Artikel aus PSO aktuell Heft 4/03
Knabberfische aus dem türkischen Badekurort Sivas bei Kangal sollen auch hierzulande Menschen mit Schuppenflechte helfen. Nun bietet eine Klinik in Baden-Württemberg diese Therapie stationär und medizinisch überwacht an. Erste Erfolge scheinen sich abzuzeichnen.
Seit deutsche Türkeiurlauber die als „Rötliche Saugbarben" oder „Garra rufa" bekannten Fische aus Kangal mit nach Hause gebracht haben, berichteten Presse und Fernsehen immer wieder über diese exotischen „Haut-Ärzte". Das Angebot ist bunt, der „Tierapie"-Wildwuchs kennt fast keine Grenzen (vgl. PSO aktuell 2/2002, S. 22). Langsam spricht sich allerdings herum, dass Selbstbehandlungsversuche mit einer Hand voll solcher Fischchen, die im Aquarium oder der Regentonne gehalten werden, kaum Erfolg versprechen und auch aus hygienischen Gründen bedenklich sein können. Trotzdem sind noch immer einige Anwender fest überzeugt, dass Psoriatiker von der Knabberei profitieren, sofern die sechs bis acht Zentimeter langen Tiere nur unter optimalen Arbeitsbedingungen werkeln können. Zu diesen Überzeugten gehört Karl Gutekunst, Leiter der Erlenbach-Klinik in Bad Mergentheim. Deren Schwerpunkt liegt auf Naturheilverfahren. Sie ist nach § 111 des Fünften Sozialgesetzbuches (SGB V) anerkannt als Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtung für Stoffwechselstörungen, Erkrankungen des Bewegungsapparates, der Verdauungsorgane und Leber sowie psychosomatische Störungen.
Seit September 2002 werden hier auch Patienten mit Schuppenflechte aufgenommen. Ihnen bietet die Klinik erstmals in Deutschland eine stationäre Badekur mit den Garra-rufa-Fischen an.
Selbstversuch
„Wir haben unsere Form der Therapie aus meiner persönlichen Not heraus erarbeitet", sagt Karl Gutekunst. Der 54-jährige leidet selbst seit 16 Jahren unter Psoriasis. In heftigen Schüben machte sie ihm großflächig fast überall am Körper zu schaffen. Merklich geholfen haben ihm bisher nur mehrwöchige Aufenthalte am Toten Meer. „Doch mit dieser Therapiemöglichkeit war Schluss, als ich einen schweren Herzinfarkt erlitt und die glühende Hitze in Israel nicht mehr ertragen hätte."
Im Hotel Reblinger Hof im Bayrischen Wald setzte er sich an drei Tagen probeweise in die Wanne und erlebte rasch einen ähnlich lindernden Effekt wie zuvor am Toten Meer. „Doch schon während der Heimfahrt bildeten sich die Schuppen wieder neu." Dennoch war Gutekunst überzeugt, „dass an dieser Therapie etwas dran ist - vorausgesetzt, sie wird konsequent und ohne Unterbrechung nur lange genug durchgeführt."
Von einem Fischzüchter und Hobby-Ingenieur, der ebenfalls aus persönlichem Interesse für die Fisch-Therapie geeignete Badewannen mit Filtersystem entwickelte hatte, besorgte er sich die nötige technische Ausstattung samt eines tierärztlich geprüften Schwarms Garra rufa und startete seinen Selbstversuch.
Unter Aufsicht des allgemeinmedizinischen Oberarztes der Klinik, Klaus Süssmuth, badete Gutekunst vier Wochen lang zweimal täglich zwei Stunden mit etwa 150 knabberfreudigen Fischchen in 34 Grad warmen Wasser:
„Nach knapp einer Woche waren alle Schuppen weg, aber die Fische blieben trotzdem dran. Unermüdlich stupsten und nagten sie weiter an der Haut, die durch diese Bearbeitung ganz glatt und weich wurde. An besonders dünnen Stellen kam auch schon mal Blut. Die haben wir dann für eine Weile abgeklebt." Nach jeder Badesitzung cremte sich Karl Gutekunst mit einer fetthaltigen Basishautpflegecreme ein und legte sich einmal pro Tag für 10 bis 15 Minuten in ein handelsübliches UVA-Solarium.
„Nach vier Wochen konsequenten Badens unterschieden sich die zuvor befallenen Stellen nur noch durch ihre intensivere Rötung von der gesunden Haut. Die meisten dieser roten Stellen verblassten im Laufe der folgenden Wochen langsam von innen nach außen." Und der Erfolg halte an - bei Karl Gutekunst auch noch mehr als zehn Monate nach dem letzten Bad: „Nur an ein paar ganz kleinen Stellen beginnt sich der Hautzustand inzwischen wieder leicht zu verschlechtern", berichtet er begeistert über seine persönlichen Erfahrungen.
Ärztlich dokumentiert
Nach Gutekunst stellten sich bisher 26 weitere Patienten den Fischen in der
Erlenbach-Klinik freiwillig zur Verfügung. Zu Beginn der Therapie wurden sie eingehend internistisch untersucht. „Auf diese Weise versichern wir uns z. B., dass die Patienten den Kreislaufbelastungen durch das stundenlange Baden gewachsen sind und dass sie keine ansteckende Krankheiten haben, die eventuell über die Fische auf andere Menschen übertragen werden könnten", erläutert Süssmuth.
„Ob der Erfolg der Entschuppung auch bei ihnen so dauerhaft nachwirkt, lässt sich derzeit nicht endgültig beurteilen, da bei ihnen die Behandlung noch nicht so lange zurückliegt", sagt Manfred Derr, extern niedergelassener Dermatologe. Er sieht die Patienten zu Beginn und am Ende der Therapie und dokumentiert das Behandlungsergebnis. „Die unmittelbare Verbesserung des Hautzustand war jedoch in allen Fällen durchaus bemerkenswert und vielversprechend." Bisher seien alle in den drei bis vier Wochen ganz oder nahezu erscheinungsfrei geworden. „Abbrechen mussten wir die Therapie nur einmal wegen einer akuten Grippe und in einem Fall, weil dieser Patient nicht regelmäßig baden wollte." Derr, der als Facharzt die Patienten an der Erlenbach-Klinik bei Komplikationen gegebenfalls mit betreut, interessiert sich für die Fisch-Therapie, „weil sie im Unterschied zu vielen anderen Behandlungsoptionen bei Psoriasis offenbar auch langfristig keine Nebenwirkungen hat" und nach den bisherigen Erfahrungen gut vertragen werde.
Mehr als der offensichtliche Therapieerfolg des Vorreiters Gutekunst überzeugt den Dermatologen letztlich das Gesamtkonzept der Behandlung: Zusätzlich zum „Benagen" durch die Fische erhalten Patienten nach jedem Bad eine gründliche Hautpflege mit einer wirkstofffreien Basiscreme, täglich 15 min UVA-Bestrahlung, eine diätetische Beratung, auf Wunsch Stutenmilch als Nahrungsergänzung und psychologische Betreuung. „Die Patienten werden also auf einer recht breiten Ebene unterstützt. Damit entspricht die Behandlung dem, was heute auch in anderen Reha-Einrichtun-gen üblich ist", urteilt der Hautarzt.
Allgemein wirksam
Die Fischtherapie scheint mehr als eine Entschupppung zu bewirken. Das folgern die Beteiligten aus der Tatsache, dass sich längerfristige Verbesserungen nur einstellen, wenn die Behandlung mindestens drei Wochen ohne Unterbrechung durchgehalten wird. Die Schuppen selbst sind meist schon nach wenigen Tagen entfernt.
„Interessant ist, dass wir oft auch Verbesserungen dort sehen, wo die Fische gar nicht nagen konnten, z.B. am Kopf", erläutert Klaus Süssmuth. Manfred Derr erinnert dies an Genera-lisierungseffekte bei der spezifischen Immuntherapie: Auch sie macht Allergiker oft nicht nur gegen den Reizstoff widerstandfähiger, mit dem die Therapie tatsächlich durchgeführt wurde, sondern meist auch gegenüber anderen ähnlichen Auslösern. Trotzdem wollen die beiden Ärzte im Augenblick noch nicht weiter darüber spekulieren, wie eine solche Ganzkörper-Wirkung zu erklären sein könnte. Auch die UVA-Bestrahlung trägt nach Ansicht von Derr und Süssmuth mit zum Heilungserfolg bei. „Mit UVA-Bestrahlung scheinen nach unseren bisherigen Beobachtungen die Psoria-sis-Herde schneller abzuheilen als ohne", meinen sie. Wegen des potenziellen Krebsrisikos beschränke man sich bewusst auf das UVA-Spektrum. Der gerätebedingte UVB-Anteil liege bei einem Prozent und sei damit unbedenklich. „Wir dosieren die Bestrahlung eher niedrig, es soll nicht zu einer Hautrötung kommen. Im Laufe der Kur wird die Dauer der Bestrahlung dann täglich langsam gesteigert."
Überzeugte Selbstzahler
Für eine dreiwöchige Fisch-Badekur mit den Fischen berechnet Karl Gute-
kunst den Patienten 1790 Euro inklusive Unterkunft und Verpflegung. Krankenkassen erstatten diese Kosten bislang nicht, obwohl sie weitaus niedriger sind als etwa die durchschnittlichen stationären Therapiekosten bei Psoriasis von 333 Euro pro Tag, die das Robert Koch Institut Berlin ermittelt hat. Gleichwohl dürfte das Angebot für Selbstzahler interessant sein. Wer als Alternative einen Aufenthalt in Kangal in Erwägung zieht, muss dafür schließlich inklusive Flug durchaus einen ähnlichen Betrag einkalkulieren.
Auch für Gelenke gut?
Insgesamt ist die Therapie aufwendig und setzt echte Entschlossenheit voraus. Ein Versuch lohne sich daher nur für Menschen mit chronischen großflächigen und nicht nur vereinzelten kleinen Herden, geben Derr und Süssmuth zu bedenken. Mit Psoriasis-Arthritis hat man bisher in Bad Mergentheim noch kaum Erfahrungen. Süssmuth hält aber durchaus auch hier Erfolge für möglich, denn beim einzigen bisher behandelten Patienten gingen die Gelenkbeschwerden im Laufe der Kur zurück. „Wir könnten uns vorstellen, dass parallel zur Abheilungstendenz der Haut sich Veränderungen in den Immunreaktionen ergeben und dadurch die Gelenkentzündung abnimmt", formuliert Süssmuth vorsichtig, ohne sich auf weitere Spekulationen einzulassen.
Tabletten abgesetzt
Ob ein Patient den Belastungen der Badetherapie körperlich gewachsen ist, wird durch eine internistische Eingangsuntersuchung geprüft. Da vor der Kur kortisonhaltige Medikamente und innerlich auf das Immunsystem wirkende Mittel wie Methotrexat abgesetzt werden, sollten sich nur Patienten für die Fisch-Therapie entscheiden, die wirklich einen rein naturheilkundlichen Ansatz wünschen.
© PSO aktuell 2003