Artikel aus PSO aktuell Heft 3/04
An den kleinen weißen Kügelchen scheiden sich die Geister. Unter Patienten gilt die Homöopathie derzeit als eine der beliebtesten Alternativtherapien. Viele schwören auf die hochverdünnten Arzneimittel, die keine Wirkstoffe im eigentlichen Sinne enthalten. Kritiker aus der konventionellen Medizin halten die Homöopathie dagegen für höchst irrational und im besten Falle für eine modifizierte Nicht- Therapie. Lohnt sich trotzdem ein Versuch auch bei einer chronischen Hautkrankheit wie der Schuppenflechte?
Für alle, die sich nicht von quicklebendigen Garra rufa-Fischen abknabbern lassen wollen, bietet die Hamburger Leonardo Apotheke eine seltsame Alternative an: Die Knabberfische in Form homöopathischer Globuli. Die Idee stammt von dem Hamburger Heilpraktiker Dietmar Brennecke. Verfügbar sind die Kügelchen in zwei verschiedenen Potenzen C6 und C30. Fein verrieben und hochverdünnt sollen die Fischchen gegen Schuppenflechte helfen. Doch nicht nur Schulmedizinern stehen angesichts dieser Behauptung die Haare zu Berge, sondern auch Homöopathen schütteln den Kopf: „Diese potenzierten Fische sind kein echtes homöopathisches Mittel, denn sie wurden keiner homöopathischen Arzneimittelprüfung unterzogen”, kritisiert der Hamburger Allgemeinarzt und Vorsitzender des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte e.V. Kurt Kösters. „Nur Stoffe, die im Rahmen einer solchen Prüfung bei Gesunden zu Symptomen führen, eignen sich zur homöopathischen Behandlung entsprechender Erscheinungen bei Kranken. Vom Verzehr dieser Fischchen bekommt jedoch sicher niemand schuppige Haut. Außerdem gibt es in der Homöopathie auch keine Mittel gegen bestimmte Diagnosen, wie z.B. Schuppenflechte”, ergänzt Kösters. „sondern nur Mittel, die auf bestimmte Menschen zugeschnitten sind. Solche Spielereien bringen die klassische Homöopathie in Verruf.” Kösters verspricht sich keinen Nutzen von potenzierten Fischen, er würde Patienten mit Psoriasis beispielsweise eher mit Sulfur, Pulsatilla oder Thuja behandeln. „Und zwar je nachdem welches Mittel am besten zu dem jeweiligen Patienten und seinen Symptomen passt.”
WIE IN DER TCM (traditionellen chinesischen Medizin) oder im Ayurveda ist auch in der klassischen Homöopathie nicht allein die Krankheit als solche, sondern der gesamte Mensch mit all seinen persönlichen Besonderheiten entscheidend für die Wahl der passenden Arzneimittel: So erklärt sich, warum homöopathisch behandelte Patienten mit vergleichbaren Krankheitsbildern nicht alle die selben, sondern meist sehr unterschiedliche Arzneimittel verordnet bekommen. „Bei der Wahl des richtigen homöopathischen Mittels berücksichtigen wir viele verschiedene Aspekte”, erläutert Dr. Barbara Warneke, Hautärztin in Hamburg mit Zusatzausbildung in klassischer Homöopathie: „So zählt beispielsweise nicht nur, wie der Hautausschlag genau aussieht und unter welchen Bedingungen er sich verschlechtert oder bessert. Ausschlaggebend ist auch, welche Beschwerden den Betroffenen sonst noch plagen, welche besonderen Vorlieben er hat, was er besonders gerne isst oder verabscheut, wie er schläft, was er träumt usw. Wir interessieren uns dafür, welche Krankheiten in seiner Familie vorkommen, wie er lebt und arbeitet, welche Ängste ihn quälen.”
IN DER HOMÖOPATHIE werden Krankheiten immer als Störungen des gesamten Organismus und nicht nur von einzelnen Organen betrachtet. Die homöopathische Behandlung zielt darauf ab, im Körper wieder ein gesundes „Gleichgewicht” herzustellen, seine„Lebenskraft” zu stärken und ihn dazu zu befähigen, sich selbst zu regulieren. Auch diese Sichtweise teilt die Homöopathie mit verschiedenen anderen alternativen Heilmethoden.
Das theoretische Gedankengebäude der Homöopathie baut im Wesentlichen auf zwei Grundprinzipien auf:
Den Grundsatz, wonach Krankheiten sich am besten mit einem Mittel behandeln lassen, das dem Auslöser der Störung möglichst ähnlich ist, kennt auch die Schulmedizin. Obwohl hier vorwiegend mit Wirkstoffen gearbeitet wird, die den Krankheitsauslösern entgegenwirken, wie z. B. Antibiotika, die Bakterien vernichten, hat auch in der Schulmedizin das Gleichheitsprinzip eine gewisse Bedeutung. Genützt wird es beispielsweise vorbeugend bei Impfungen oder bei der Hyposensibilisierung gegen Allergien. Durch geringe Mengen des Krankheitsauslösers „lernt” das Immunsystem, angemessen auf die Störenfriede zu reagieren; die Selbstheilungskräfte werden aktiviert. In diesem Sinne lässt sich auch die Homöopathie als eine Art regulative Therapie verstehen. Schwerer zu akzeptieren ist für Naturwissenschaftler das Prinzip der Potenzierung. Es wurde vor etwa 200 Jahren von dem Begründer der Homöopathie, dem Arzt Samuel Hahnemann, entwickelt. Dieses Prinzip besagt, dass Stoffe, die in hoher Dosierung krank machen, zu wirkungsvollen Arzneimittel werden, wenn sie in extrem hohen Verdünnungen eingenommen werden. Weil zu Lebzeiten Hahnemanns Patienten oft mit sehr drastischen Mitteln und Methoden behandelt wurden – z.B. mit Aderlässen, an denen nicht selten Menschen verbluteten, oder mit hochdosierten, stark wirkenden Drogen, die oft mehr Schaden brachten als Nutzen – suchte der Arzt nach schonenderen Behandlungsmöglichkeiten. Die von ihm homöopatisch verdünnten Präparate waren deshalb schon allein wegen der fehlenden Nebenwirkungen von entscheidendem Vorteil. Darüber hinaus meinten Hahnemann und seine Anhänger natürlich auch echte positive Heilwirkungen zu erkennen.
KLASSISCH SCHULMEDIZINISCH denkende Ärzte und Apotheker bringt die Grundregel von den homöopathischen Potenzen auf die Palme. Schlicht als „irrational” und „freischwebend zusammen fantasiert” bezeichnet beispielsweise der Marburger Dermatologie- Professor Rudolf Happle Hahnemanns Konzept. Wer sich wie konventionell orientierte Mediziner darauf verlässt, dass bei den meisten Medikamenten ein klarer Zusammenhang zwischen Dosis und Wirkung nachweisbar ist – frei nach dem Motto: mehr hilft mehr – versteht an dieser Stelle die Welt nicht mehr. Immer wieder rechnen Homöopathie- Kritiker entrüstet vor, dass homöopathische Mittel bereits ab der Potenz D12 tatsächlich kein einziges Molekül der Ausgangssubstanz enthalten – ein in ihren Augen eindeutiges Zeichen dafür, dass auch keine Wirkung zu erwarten ist.
© PSO aktuell 2004