Artikel aus PSO aktuell Heft 2/05
Rheumatische Erkrankungen verursachen Schmerzen. Trotzdem ist Ruhe nicht erste Patientenpflicht. Welche körperlichen Übungen gut tun oder besser unterlassen werden, darüber entscheiden die betroffenen Gelenke und das Entzündungsstadium ebenso wie persönliche Vorlieben.
Für Kurt S. sind die Berge von klein auf immer das Höchste gewesen. Skifahren und im Sommer mehrtägige Wanderungen mit dem Rucksack von Hütte zu Hütte, das braucht der Lehrer als Ausgleich zum Schulalltag. Seine Schuppenflechte hat ihn dabei bisher nicht gestört. Dass er seit einiger Zeit tief unten das oft steife Kreuz spürte, war halb so schlimm. Man wird halt nicht jünger, meinte der 51-Jährige achselzuckend. Doch dann kamen noch Schmerzen im Knie und an den Händen hinzu.
Der Hautarzt schickte Kurt S. zum Rheumatologen, der nach der Untersuchung die insgeheim schon befürchtete Diagnose bestätigte: Arthritis psoriatica. Heißt das, ich werde demnächst im Rollstuhl sitzen? Nur mal langsam, beruhigte ihn der Doktor. Es spreche nichts für eine rasch Knorpel und Knochen zerstörenden Verlauf. Die Gelenkentzündung bei Schuppenflechte lege zum Glück nicht selten von selbst längere Pausen ein. Außerdem seien bei ihm nur zwei Finger einer Hand, das linke Knie und ein bisschen die Wirbelsäule betroffen. Vorerst genüge es, bei Bedarf die Symptome mit kortisonfreien Entzündungshemmern wie Diclofenac zu lindern.
OB ER DENN NOCH INS GEBIRGE könne, war eigentlich gar keine Frage. Der Patient wollte bloß die medizinische Erlaubnis, weiterhin zu dürfen, was er doch nicht lassen konnte. Der Fachmann für Erkrankungen des Bewegungsapparates bemühte sich als leidenschaftlicher Wintersportler dennoch, ausführlich Pro und Contra abzuwägen. Alpiner Skilauf, dozierte er, belaste alle gewichttragenden Gelenke, könne also vor allem für Hüften oder Knie ungünstig sein. Durch technisches Können und richtige Ausrüstung, die heute ja vieles einfacher mache, werde die Beanspruchung gemildert. Die Arthritis sei daher, zumindest bis zu einem gewissen Grad, für einen geübten Fahrer kein Grund, den Sport aufzugeben - sofern er nicht um Spitzenplätze wetteifere. Dies schade übrigens meist auch Gesunden.
Abstiege bei Bergtouren, das merkte Kurt S. recht schnell, strapazierten sein manchmal geschwollenes Knie umso mehr, je länger und steiler es hinab ging. Er trug deshalb eine Bandage und benutzte Stöcke, mit denen die Stöße teilweise abgefangen werden konnten. In der Ebene, womöglich auf geteerten Straßen, wären ihm die Stützen albern vorgekommen. Zu stolz war er auf die überwundenen Höhen, um sich unters Volk der neuerdings von Nordic Walking in Schwung gebrachten Flachland- Wanderer zu mischen.
MAG SOLCHE MASSENHAFTE Vermarktung manche abstoßen - die ursprünglich als Sommertraining für Skilangläufer erdachte Gangart ist durchaus sinnvoll. Sie lässt sich rasch erlernen und hat, im Gegensatz etwa zum vorhergegangenen Modetrend, dem Inline- Skating, ein äußerst geringes Verletzungsrisiko. Die Stöcke entlasten Hüft- Knie-, Sprung- sowie Zwischenwirbelgelenke, ihr abwechselnder Einsatz löst Muskelverspannungen im Schulterund Nackenbereich, sofern man nicht krampfhaft die Schultern hochzieht, was zu den wenigen Fehlermöglichkeiten gehört.
Gegenüber Jogging oder einfachem Walking (beides wie der Oberbegriff „Sport" aus dem Englischen eingedeutscht) sind beim schnellen Gehen mit Stöcken wesentlich mehr Muskeln tätig und werden entsprechend gekräftigt, einschließlich der zur verstärkten Sauerstoffaufnahme aktivierten Atemhilfsmuskulatur von Brust und Bauch. Um die Ausdauer zu trainieren, darf man sich aber immer nur so sehr anstrengen, dass einem nie die Luft ausgeht. Im Vergleich zu normalem Gehen, so heben die Trendsetter hervor, würden bei gleicher Geschwindigkeit mindestens 20 Prozent mehr Kalorien verbrannt.
Wer auf diese Weise überflüssige Pfunde los wird, schont allgemein seine vom Körpergewicht unter Druck gesetzten Gelenke. So wird eine dort eventuell bestehende Entzündung nicht ständig angefeuert und die Wahrscheinlichkeit des vorzeitigen Verschleißes mit den durch eine solche Arthrose verursachten Beschwerden gemindert.
Zeitweilig ist jeder im Wasser leichter. Dessen Auftrieb wirkt der Schwerkraft entgegen, im heimischen Frei- und Hallenbad oder am Baggersee schwächer als im Atlantik oder besonders im Toten Meer, wo man nicht untergehen kann. Erkrankte Körperteile tun daher bei Bewegung weniger weh als auf dem Trockenen. Schwimmen fördert die Gelenkigkeit, stärkt Muskeln und kann die von Sauerstoff abhängige (aerobe) Ausdauer steigern, wenn man regelmäßig mindestens 30 Minuten durchhält, ohne außer Puste zu geraten. Eine lädierte Halswirbelsäule nimmt es allerdings übel, beim Brustschwimmen überstreckt zu werden. Hier wäre Rückenschwimmen vorzuziehen.
TAUCHT MAN INS MÖGLICHST nicht zu kühle Nass, können die bei Arthritis psoriatica zur Versteifung neigenden Gelenke eher mobil gehalten werden. Verständlicherweise scheuen indes selbst Hautkranke, die sozusagen von Natur aus Wasserratten sind, oft die bloßstellenden Blicke nicht aufgeklärter Mitmenschen. Ist die psychologische Hemmschwelle überwunden, vertragen die Psoriasis-Stellen vielleicht das Wasser nicht, wenn es in öffentlichen Schwimmbädern reichlich Chlor enthält. Hinterher sollte man sich darum gründlich abduschen und eincremen.
Das ist nach jeglicher Körperertüchtigung, wie einst das Bemühen um Fitness hieß, schon wegen des Einheizeffektes anzuraten. Schwitzen kann Juckreiz verstärken. Wird das Kratzbedürfnis einmal mittendrin zu heftig, empfehlen Fachleute eine kurze Entspannungspause. Oder man geht für einige Minuten unter die höchstens lauwarme Dusche. Noch besser stillt kaltes „Abschrecken" den Juckreiz.
Allzu schweißtreibend sollte die sportliche Betätigung ohnehin nicht sein. Rheumatische Beschwerden hindern zum Beispiel kaum jemand daran, Rad zu fahren im flachen Gelände. Doch die umweltfreundliche und preiswerte Form der Fortbewegung wurde mit immer neuen Spezialgeräten „aufgepeppt". Ermuntert das Mountainbike dazu, gegen erheblichen Widerstand in die Pedale zu treten, können Hüft-, Knie- und Sprunggelenke übermäßig belastet werden.
Klettern verbietet sich von selbst beim typischen Befall der Fingergelenke. Ebenso bekommt man zu spüren, wie es der Krankheit buchstäblich in die Hände arbeitet, einen Tennisschläger fest im Griff zu haben. Sind Zehengelenke betroffen oder Sehnen und Sehnenscheiden an der Ferse entzündet, vergeht einem „natürlich" die Lust, im Squash-Käfig auf hartem Boden dem von der Wand zurückprallenden Ball hinterher zu hetzen.
Grundsätzlich müssen Schmerzen als vernünftiges Warnzeichen der Überforderung beachtet werden. Wem das schwer fällt, weil es Minderwertigkeitsgefühle auslöst, nicht mithalten zu können, der mutet sich vielleicht sogar beim Yoga zu viel zu. Andererseits könnte diese „Anspannung", wie das Wort aus der altindischen Hochsprache Sanskrit zu übersetzen wäre, solchen Menschen helfen, Körper, Seele und Geist in Einklang zu bringen.
Ursprünglich ist Yoga ein Selbsterfahrungssystem, das auf einem achtstufigen Pfad zur „erlösenden Erleuchtung" führen soll. So wird es noch in Indien praktiziert. Westliche Schulen beschränken sich gewöhnlich auf die Körper- und Atemübungen des Hatha-Yoga. Dabei werden die verschiedenen Haltungen, Asanas genannt, so langsam wie möglich eingenommen. In jeder Haltung verharrt man einige Minuten und entspannt die nicht an der Übung beteiligten Muskeln. Die Aufmerksamkeit richtet sich ausschließlich auf das körperliche Empfinden. Mit Pranayamas wird bewusstes Atmen geübt. Hinzu kommt oft noch eine bei uns als Meditation bezeichnete innere Sammlung und Versenkung, eingeleitet durch Konzentration auf ein Bild (Mandala), einen Satz (Mantra) oder ein monotones Geräusch.
POSITIVE AUSWIRKUNGEN sind ohne tägliches Üben nicht zu erwarten. Das hat Yoga als Entspannungstechnik mit anderen Verfahren gemein (vgl. PSO aktuell 4/2004, S. 20-23). Für Rheuma-Patienten müssen die manchmal bizarr aussehenden Asanas unter Umständen je nach den krankheitsbedingten Einschränkungen abgewandelt werden. Haltungen, die wehtun, sind individuell unpassend. Akzeptiert man diese Grenzen, lassen sich Kraft und Biegsamkeit fördern. Der Bewegungsradius wächst umso mehr, je weniger die Gelenke steif und schmerzhaft sind. Das verbesserte Gleichgewichtsvermögen beugt Stürzen vor, und die erlebte Körperbeherrschung bestärkt die Überzeugung, der Krankheit gleichermaßen geistig Herr zu werden. Yoga beansprucht die Gelenke in jeder Richtung und reizt Hautareale, die nach ihrem Entdecker als Headsche Zonen bekannt sind. Über Nerven, die demselben Abschnitt des Rückenmarks entspringen, stehen sie in Verbindung mit inneren Organen und wahrscheinlich mit den für die Schmerzwahrnehmung zuständigen Hirnbereichen. Ähnlich wie bei Reflexzonenmassagen können demnach verschiedene Körperregionen beeinflusst werden.
Die innere und äußere Haltung, die dazu nötig ist, muss man sich freilich erst unter fachkundiger Anleitung in kleinen Schritten aneignen. Die vom Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland (www.yoga.de) festgelegten Richtlinien gewährleisten eine Mindestqualität der Ausbildung und Prüfung. Ob und wie viel ein Lehrer zusätzlich Erfahrungen mit Arthritis hat, sollte man ungeniert fragen. Ohne Aufsicht könnten anfangs Muskeln, Sehnen und Bänder durch Fehlhaltungen überbeansprucht werden. Nach dem obersten Prinzip beim Yoga müsste jedoch der Schüler bald selbst der beste Lehrer für sich sein. Denn es zählt immer nur das, was gerade geschieht, und dazu gehört, dass man eine Position, die einem unangenehm ist, nicht erzwingt.
Ausgerichtet auf das Hier und Jetzt, muss der Einzelne keinem Ideal nacheifern, also nicht wie ein verklärter Guru im Lotossitz über der Erde schweben. Außer dem Asana, das er jeweils so gut es geht probiert, gibt es keine Verpflichtung oder Erwartung. Das ist eine psychische Entlastung für Patienten, die das Vertrauen auf ihren Körper verloren haben oder frustriert sind über seine begrenzte Funktionsfähigkeit.
AUCH BEIM SPORT sollten sich gehandikapte Menschen ganz auf das, was momentan zu tun ist, einlassen und nicht ein Endziel abstreben. Locker im Park laufen und dabei unbeschwert die von den Bäumen erfrischte Luft atmen, dies ist das erwünschte Gegenteil des Ehrgeizes, seine Trainingsstrecke in soundsoviel Minuten zu schaffen. Mit Freude kann man Leib und Seele leichter zur Gesundheit bewegen als durch verbissene Pflichtübung. Auf Höchstleistungen fixierter Sport vergibt die Chance, die spielerische Betätigung im Vergleich zur verordneten Krankengymnastik bietet.