Artikel aus PSO aktuell Heft 3/01
Die warmen Quellen von Kangal sind für ihre tierischen „Wunderheiler“ berühmt. Nun haben Dermatologen in der Türkei den Erfolg dieser Therapie erstmals nachprüfbar dokumentiert.
Die Einheimischen schwören seit über 200 Jahren darauf. Und schon lange kommen auch Hautkranke aus anderen Ländern zu dem etwa 1600 Meter hoch gelegenen Badeort, einige Kilometer nordöstlich der Kleinstadt Kangal in der mittelanatolischen Provinz Sivas.
Das durch unterirdische Quellen gespeiste Wasser in den fünf Bassins hat eine mittlere Temperatur von 35 Grad Celcius. Darin tummeln sich zahlreiche kleine „Doktorfische“. Der volkstümliche Name für die beiden an diese Umgebung angepassten Arten rührt daher, dass sie wegen des Mangels an natürlicher Nahrung in den Becken begierig die Haut der Badenden abknabbern.
Als besonders leicht zugängliches Futter werden Schuppen auf Psoriasis-Herden bevorzugt. Dabei kann ein Patient innerhalb weniger Stunden komplett „gesäubert“ sein. Dies verstärke nicht nur die Wirkung von ultraviolettem Licht, sondern schaffe zudem „einen positiven psychologischen Zustand“, vermuten Wissenschaftler der Universitäten Sivas und Istanbul. Sie untersuchten den Krankheitsverlauf von 87 Patienten mit Psoriasis vulgaris während der maximal drei Wochen dauernden Behandlung in Kangal (J. Dermatol. 27, 386-390; 2000).
Balneo-Tierapie
Ohne dass sie dazu Anweisungen erhielten, badeten die Testpersonen zweimal täglich im Durchschnitt insgesamt sieben Stunden. Die Ausdehnung und Schwere der Schuppenflechte wurde nach dem international üblichen Psoriasis Area and Severity Index (PASI) gemessen. Zu Beginn betrug der mittlere Wert 9,6. Die im dreitägigen Abstand bestimmte Kennziffer verminderte sich fortlaufend und deutete bei den 14 Patienten, die 21 Tage beobachtet werden konnten, auf eine restlose Rückbildung hin. 35 Testpersonen, die bereits früher die heißen Quellen erprobt hatten, berichteten über längere Erscheinungsfreiheit als nach äußerlicher Kortisonbehandlung.
Obwohl sich statistisch eine deutlich Besserung nachweisen ließ, geben die Autoren selbstkritisch zu bedenken, dass „viele verschiedene Faktoren“ dazu beigetragen haben könnten. Die Fische betrachten sie vor allem als Hilfe zur gründlichen Schuppen-Entfernung, die erwünschte Nebenwirkungen im körperlichen und seelischen Bereich hat (siehe oben).
Das Thermalwasser ist reich an Kalzium, Magnesium und Schwefelsalzen, was möglicherweise entzündliche Hauterkrankungen günstig beeinflusst. Die türkischen Forscher heben jedoch den Gehalt an Selen (1,30 mg/Liter) hervor. Dieses Spurenelement werde sowohl beim Trinken des Wassers als auch nach Aufnahme durch die Haut wirksam. Dermatologisch erprobt sei es bei Kleienpilzflechte (Pityriasis versicolor) und seborrhoischer Dermatitis; als Reaktionspartner eines Enzyms schütze es außerdem vor dem Angriff freier Radikale (siehe Seite 31).
Schuppenfresser im Netz
„Endlich: Die schwimmenden Hautärzte aus Kangal sind da!“ Mit dieser frohen Botschaft wird der Besucher empfangen, wenn er im Internet www.psoriasisfische.de eingibt. Die Seite betreibt Georg Seidler. Der 35-jährige Psoriasis-Patient warb im März 2001 mit einer Fernsehsendung für seine Idee. Ein Kamerateam von SAT 1 begleitete ihn, als er einige der in der Türkei gefangenen „Wunderheiler“ nach Hause mitnahm. Mittlerweile, so informierte seine Homepage drei Monate später, sei eine „Zuchtstation aufgebaut“. Über die geplante „Knabber-Kur in Deutschland“ werde mit verschiedenen Ärzten und Kliniken verhandelt. Interessenten könnten aber für die Heimbehandlung schon Fische bekommen. Abholpreis je nach Größe 80 bis 100 DM pro Stück. Bei Lieferung zusätzlich 70 Pf. je Kilometer.
Die importierten „Tierapeuten“ klassifiziert Seidler als „rötliche Saugbarben“. Sie seien „nützliche Helfer“ bei Psoriasis, Neurodermitis, Akne, Fußpilz et cetera. Denn sie könnten an den erkrankten Stellen vollständig die oberste Hautschicht entfernen. Dabei „injizieren sie in geringer Dosis ein dithranol- und enzymhaltiges Sekret in die Unterhaut.“ Für diese Behauptung hatte der Fischhändler auf redaktionelle Nachfrage keinen Beleg. Rätselhaft bleibt, wie das nach pflanzlichem Vorbild künstlich hergestellte Dithranol (Cignolin®) ins Maul der Schuppenfresser kommen soll.
Die auf englisch veröffentlichten Beobachtungen der türkischen Hautärzte erlauben den Schluss, dass auch in Kangal nur mit Wasser gekocht wird:
Dr. Ina Schicker