PSO aktuell - Der Ratgeber bei Schuppenflechte (Psoriasis)

DER RATGEBER BEI SCHUPPENFLECHTE

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Artikel aus PSO aktuell Heft 4/02

 

 

Aloe vera

Das einzig Wahre auch bei Psoriasis?

Die als „wahre“ (lat. vera) gekennzeichnete Art der altbekannten Heilpflanze wird neu entdeckt. In der Apotheke, im Reformhaus oder Naturkostladen und in Kosmetikabteilungen – Aloe darf kaum noch irgendwo fehlen. Ganz oben auf der langen Liste gerühmter Eigenschaften steht ihre Wirkung auf die Haut.

 

Aloe veraSie ist allgegenwärtig. In Fitness-Getränken, Verjüngungscremes, Lotionen, Shampoos. Ja, es gibt sogar Damenstrumpfhosen und Dessous mit „hautberuhigenden“ Extrakten von Aloe vera. Die starren Büschel der nach oben spitz zulaufenden Blätter sind mehr und mehr zum Wahrzeichen des neuen Wellness-Kultes geworden, ähnlich wie einst die gefiederte Hanf-Pflanze das Sinnbild der Haschisch rauchenden Alternativszene war.

Eine der rund 400 Arten des Liliengewächses kommt wild auf den Antilleninseln Barbados vor und wurde von dem englischen Botaniker Miller danach benannt. Der schwedische Naturforscher Carl von Linné reihte sie im 18. Jahrhundert seinem botanischen System als „wahre“ Vertreterin dieser Pflanzengattung ein. So lautet die vollständige Bezeichnung Aloe vera barbadensis miller.

 

Mittel für und gegen alles

Volkstümlich heißt sie „Wüstenlilie“, was an ihre Fähigkeit erinnert, große Wassermengen zu speichern. Der Ausdruck „Wundkaktus“verweist auf eine der früh erkannten Wirkungen. Schneidet man ein Blatt ab, schließt sich die beschädigte Außenschicht innerhalb kurzer Zeit wieder. Für Beobachter solcher Naturwunder war die Vermutung einleuchtend, dass auch die Heilung menschlicher Haut gefördert werde. In der griechischen Antike soll Alexander der Große deshalb seinen Soldaten die in den von ihm besetzten Ländern heimische Pflanze bei Kriegsverletzungen empfohlen haben.

Noch früher habe Moses, als er das Volk der Israeliten durch die Wüste führte, Aloe zum Schutz gegen die Sonne verwendet. Und im alten Ägypten pries eine Schriftrolle vor 3500 Jahren die Heilkräfte der Pflanze. Den Pharaonen diente sie obendrein als „Elixier für ein langes Leben“. Glaubt man der Überlieferung, verdankte die Königin Nofretete ebenso wie Kleopatra ihre Schönheit den Pflegezubereitungen, die mit der schleimigen, durchsichtigen Masse aus dem Mark der Blätter hergestellt wurden.

Für Christoph Kolumbus, der die Aloe auf seiner Entdeckungsreise kennen gelernt hatte, war sie der Gesundmacher schlechthin Das bekräftigte 400 Jahre später der französische Arzt Francois Vincent Raspali in einem etwas holperigen Reim: „Willst du lang wie Noah leben, lass´dir Aloe-Pillen geben.“ Und Mahatma Gandhi führte seine Ausdauer bei dem als politisches Druckmittel eingesetzten Fasten zumindest teilweise auf die „wohltuende Wirkung“ der Pflanze zurück.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stellten US-Wissenschaftler fest, dass die Überlebenden der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki äußerlich wie innerlich Aloe angewandt hatten und weniger an Hautkrebs erkrankten, als es aufgrund der Strahlung zu erwarten war.

 

Aloe vera rundum

Heute verbindet sich modernes Marketing mit altem Brauch. Unter dem Motto „Aloe vera rundum“ wird zum Beispiel auf Fuerteventura eine Kur angeboten: „Jeder trinkt bei uns pro Tag etwa 100 ml Aloesaft. Einmal täglich steigen unsere Patienten ins Hydromassage-Salzbad. Danach, wenn die Schuppen so richtig schön aufgeweicht und die Haut optimal vorbereitet ist, geht es in die Aloe-Nebelkabine. Dort dringt mit reinem Aloesaft gesättigter Dampf bis in die letzte Pore. Das lassen wir einige Minuten einwirken und legen dann, während der Patient sich ausruht, frisch aufgeschnittene Aloe-Blätter auf die ganz schlimmen Stellen.“ So schildert Carina Rudolph eine der täglichen Prozeduren, mit denen Psoriatiker auf der sonnigen Kanareninsel im Urlaub ihrer Haut etwas Besonders gönnen können.

Die Idee dazu hatte, unterstützt von einem Mediziner und Pflanzen-Experten vor Ort, der Geschäftsmann Paul Brobbel aus Rotterdam. Er suchte sich als Partner ein stilvolles Hotel in schöner Lage und richtete in geeigneten Räumen das „AloeMed Hautcenter“ (www.aloemed.com) ein. Im Gespräch bezeichnet Carina Rudolph die Einrichtung gerne als „Klinik“, doch einen Hautarzt findet man hier nicht vor.

Immerhin werden die Anwendungen von einer geschulten Krankenschwester ausgeführt. Für die sonstige medizinische Versorgung steht bei Bedarf das lokale Ärztezentrum – wo auch deutsch gesprochen wird – bereit.

In Fuerteventura den Wohltaten der Aloe zu vertrauen, liegt nahe. Auf der Wüsteninsel wächst die legendäre Pflanze wie hierzulande der Löwenzahn. Ihren Anhängern gilt sie als „Königin“ oder gar „Kaiserin“ der Heilpflanzen, die von Zahnfleischentzündung über Magen-Darm-Beschwerden bis Gelenkschmerzen angeblich fast alle Leiden lindern kann.

Solcher Überschwang mag Anlass zu Zweifeln geben. Gleichwohl hat Aloe vera ihren Ruf nicht zu Unrecht. Wird sie doch seit Jahrtausenden von Asien bis Südamerika in den unterschiedlichesten Kulturkreisen als Arznei genutzt. Und mit modernen Analyseverfahren wurden in der Pflanze tatsächlich eine Vielzahl von Wirksubstanzen nachgewiesen (die Angaben schwanken zwischen 60 und über 200). Dazu gehören Vitamine, Mineralien, Enzyme, Zuckerverbindungen, Eiweißbausteine, Fettsäuren, ätherische Öle und oberflächenaktive Saponine. Die entzündungshemmende und schmerzstillende Wirkung wird unter anderem auf Salicylsäure zurückgeführt, die zudem Schuppen lösen kann.

Insgesamt sollen die Inhaltsstoffe das Wachstum von Bakterien, Pilzen und Viren verhindern, Immunreaktionen stärken, Allergien und Juckreiz mindern, den Blutzucker senken, die zur Wundheilung notwendige Bildung von Bindegewebszellen anregen, die Haut straffen und mit Feuchtigkeit versorgen. Zu den meisten der behaupteten Wirkungen gibt es auch irgendwelche Studien. In keinem Fall genügen sie jedoch den heute für Arzneimittel geforderten Wirksamkeitsnachweisen.

 

Und bei Schuppenflechte?

Viele Hersteller von Aloe vera-Produkten nennen Psoriasis in einem Atemzug mit anderen Hautproblemen als Erfolg versprechendes Anwendungsgebiet, für Cremes und Gels ebenso wie für Aloesaft zum Trinken. Etwas vorsichtiger ist Naturkosmetik-Hersteller Sana Vita. Darauf angesprochen, erklärt Roland Diehm von dieser Firma: „Es gibt in der Tat Studien, die besagen, dass Aloe vera leichte Formen der Psoriasis positiv beeinflusst. Leider kann ich das aus meiner Erfahrung nicht bestätigen und empfehle deshalb unsere Produkte nicht dafür.“ Aloe-Hautpflege-Produkte eignen sich seiner Meinung nach „eher als Anti-Aging-Mittel oder sind vorteilhaft beim leichten Sonnenbrand, weil sie die Zellerneuerung fördern oder beschleunigen. Genau damit haben Psoriatiker aber ihr Problem“, gibt er zu bedenken.

Priv.Doz. Matthias Augustin, Experte für pflanzliche Heilmittel an der Dermatologischen Klinik der Universität Freiburg, will sich noch nicht festlegen. „Wie die Aloe vera wirkt, können wir allenfalls vermuten. Und welche Inhaltsstoffe ausschlaggebend für die Wirkung bei Psoriasis sind, ist bisher nicht bekannt.“

Obwohl in populärwissenschaftlichen Büchern und Aufsätzen immer wieder beteuert wird, der Nutzen von Aloe vera zur Behandlung von Psoriasis sei erwiesen, ist offenbar nur eine einzige klinische Studie bei leichter bis mittelschwerer Schuppenflechte veröffentlicht (Tropical Medicine and International Health, Vol. 1 No. 4:505-509; 1996). Die Ergebnisse sind fast zu schön, um wahr zu sein.

Im Laufe einer nur vierwöchigen Behandlung verbesserte die dreimal täglich aufgetragene Creme mit 0,5 % Aloe vera-Extrakt den Hautzustand von 25 der 30 Studienteilnehmern deutlich. Der durchschnittliche PASI-Wert für Ausdehnung und Schwere der Psoriasis sank von anfangs 9,7 auf 2,2. In der Vergleichsgruppe, die mit der Cremegrundlage ohne Aloezusatz behandelt wurde, gingen die Hauterscheinungen dagegen lediglich bei 2 von 30 Patienten zurück. Besonders erstaunlich: Die positive Wirkung hielt nach Aussage der Autoren in den folgenden acht Monaten an – was bekanntermaßen nicht leicht zu erreichen ist.

Auf Nachfrage von PSO aktuell, ob es weitere Erfahrungen mit diesem scheinbar so ausgezeichnetem Mittel gebe, antwortete Dr. Tanweer A. Syed unumwunden: „Ja“. Andere Partner in den USA und Schweden hätten sogar noch bessere Ergebnisse erzielt, meinte der Hauptautor dieser Untersuchung, der als niedergelassener Arzt in der Nähe von San Francisco lebt. Leider verriet er die Namen dieser Partner trotz wiederholter Mahnung nicht.

 

Lieber frisch als aus der Tube

Dr. Matthias Augustin hat die Wirkung von Aloe vera im Rahmen einer Pilotstudie an etwa 15 Patienten mit Psoriasis beobachtet. Sie bekamen entweder das reine, aus frischen Aloeblätter kaltgepresste Gel oder den in eine pflegende Salbengrundlage eingearbeiteten Pflanzenauszug. „Die Ergebnisse waren recht vielversprechend. Der Hautzustand verbesserte sich zwar nicht so schnell und so stark wie sonst mit Hilfe von Calcipotriol- oder Dithranol-haltigen Salben, aber doch merklich. Das reine Pflanzen-Gel wirkte dabei etwas stärker als das Präparat in der Salbengrundlage,“ fasst er zusammen. Weil aber die Wirkung des Rohstoffs je nach Herkunft und Lagerung der Blätter sehr unterschiedlich sein kann, ist man derzeit in Freiburg noch immer auf der Suche „nach einem standardisierten Präparat, mit dem man eine größere Studie durchführen könnte.“ Es müsste auf einen bestimmten Wirkstoffgehalt eingestellt sein. Doch bisher, so Augustin, kennt niemand eine dafür geeignete Leitsubstanz.

Tanweer Syed räumt ein, dass das Haltbarmachen von Aloe in kosmetischen Präparaten schwierig ist. Er rät daher seinen Patienten oft lieber zur Anwendung der frischen Blätter. Sie lassen sich, so berichtet Carina Rudolph, bei kühler Lagerung ohne Wirkverlust mehrere Wochen aufbewahren und Stück für Stück verbrauchen.

Katharina Kogler von der Schweizer Biorex AG weiß noch eine erprobte Möglichkeit: Psoriasis-Patienten streichen den zum Trinken gedachten Aloesaft dieser Firma auf die betroffenen Hautstellen und verbinden sie dann. Manche zögen das flüssige Produkt vor, da den kosmetischen Präparaten Geliermittel und Konservierungsstoffe zugesetzt würden. Der als Nahrungsergänzungsmittel auch in deutschen Naturkostläden und Reformhäusern erhältliche „Ursaft“ von Biorex sei frei davon. Er werde aus der in Australien unter kontrollierten biologischen Bedingungen als Arzneipflanze angebauten Aloe vera gewonnen und durch schonende Erwärmung haltbar gemacht.

Nicht zuletzt wegen der noch zu dürftigen wissenschaftlichen Belege weisen Hautärzte in Deutschland ihre Psoriasis-Patienten von sich aus kaum auf Aloe vera hin, wollen sie aber in der Regel auch nicht davon abhalten, die Pflanzentherapie auszuprobieren. Denn Nebenwirkungen sind bei der äußerlichen Anwendung von Aloe vera praktisch nicht zu erwarten. Allergische Reaktionen treten ausgesprochen selten auf. Allerdings sollten Menschen vorsichtig sein, die bereits gegen andere Pflanzen aus der Familie der Liliengewächse, beispielsweise Zwiebeln, Knoblauch und Tulpen, überempfindlich sind.

Die innerliche Anwendung von Aloe vera könnte dagegen nicht ganz so unbedenklich sein. Gewarnt wird ausdrücklich vor Säften, die Bestandteile der Blattrinde und damit so genannte Antrachinone (z.B. Aloin) enthalten. Diese Stoffe wirken in höherer Dosis darmreizend und abführend. Sonstige unerwünschte Wirkungen sind nicht ausgeschlossen. Deshalb sollte Aloe vera-Saft möglichst ohne die Blattrinde hergestellt werden oder mit Spezialverfahren, die großes Know-how erfordern. Oft filtert man jedoch das Aloin erst nach der Pressung heraus. Insbesondere bei Säften aus Spanien und Portugal – die Reisende gerne aus dem Urlaub mitbringen – werden Schale und Gel meist zusammen verarbeitet. Darüber hinaus sind Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten denkbar, etwa bei der Einnahme von Herzglykosiden, Diuretika (harntreibende Mittel) und Nebennierenrindenhormonen (Kortison).

 

 

Fazit

Eine allgemeine Aussage darüber, was Gels und Cremes bei Psoriasis bringen, ist im Augenblick nicht möglich. Es bleibt daher nur der Selbstversuch. Kommt man im Urlaub an frische Pflanzenblätter, so kostet dies nicht viel. Wer den Test mit fertigen Aloe-Produkten macht, muss dazu tiefer in die Tasche greifen. Sie sollten einen möglichst hohen Gehalt an frischem Pflanzengel (mindestens 30 Prozent) haben. Ein Vergleich beider Möglichkeiten wäre interessant. Bei innererer Anwendung ist Vorsicht und besonders sorgfältige Auswahl der Produkte geboten.

 

Dr. Ina Schicker

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