PSO aktuell - Der Ratgeber bei Schuppenflechte (Psoriasis)

DER RATGEBER BEI SCHUPPENFLECHTE

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Artikel aus PSO aktuell Heft 2/03

 

 

Alternative Heilverfahren

Die Heilkunst der Chinesen - hat sie auch ein Rezept gegen Psoriasis?

In Deutschland kennt man die TCM (traditionelle chinesische Medizin) vor allem in Form der Akupunktur. Die herkömmliche Heilkunde der Chinesen hat aber weit mehr zu bieten und kann westliche Medizin zumindest ergänzen, wie der wissenschaftlich überprüfte Behandlungserfolg in China nachweist. Dermatologen zeigen hierzulande dafür noch wenig Verständnis.

 

TCM - Traditionelle chinesische MedizinHat die bei uns übliche Therapie nicht den gewünschten Erfolg, wenden sich verzweifelte Patienten oft unkonventionellen Methoden zu. Eine der beliebtesten ist Akupunktur. Mit wachsender Nachfrage boten viele deutsche Ärzte die Nadelbehandlung als eine meist aus dem Zusammenhang gerissene Technik an. Obwohl sie nicht nach dem einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) abrechenbar war, zahlten die gesetzlichen Krankenkassen dafür umso bereitwilliger, je mehr ihnen solche Geschenke die Gunst der Mitglieder zu sichern schienen.
Dann entschied der zuständige Bundesausschuss, ein Nutzen des Verfahrens sei wissenschaftlich keineswegs ausreichend erwiesen, um es allgemein als Regelleistung anzuerkennen. Nun wird Akupunktur im Rahmen einer Erprobungsregelung nach § 63 des Fünften Sozialgesetzbuches (SGB V) erstattet. Das bis 2004 geplante Modellvorhaben gilt jedoch nur für Versicherte mit chronischen Schmerzen des Kopfes, der Lendenwirbelsäule und der großen Gelenke (vgl. PSO aktuell 4/200­0, S. 6 und 1/2003, S. 12).
Die traditionelle chinesische Medizin (TCM)) kennt das Stechen (Zhen Jiu) mit feinen Nadeln seit 5000 Jahren, wenngleich es längst nicht ihr wichtigster Bestandteil ist. Im Ursprungsland existiert das alte Heilsystem weitgehend gleichberechtigt neben der Schulmedizin. Deren Vorsprung ist besonders in der Chirurgie unbestritten, ebenso möchte man in China bei schwe­ren Infektionen nur ungern auf wirkungsvolle Antibiotika verzichten.

 

Hitze, Wind, gestautes Qi

Nach dem überlieferten Denken ist der menschliche Organismus eingeordnet in die Kräfte, die den Kosmos zwischen Himmel und Erde bestimmen. Wenn das etwas verkürzt mit Lebensenergie übersetzte „Qi“ (gesprochen: tchi) frei im Körper fließt, befindet er sich im Idealzustand der Ausgewogenheit von Yin und Yang. Dieses vieldeutige Prinzip wird gern als die  im Schatten liegende und sonnenbeschienene Seite eines Berges veranschaulicht. Kann man damit gegensätzliche Phänomene benennen, so kennzeichnen die „fünf Wandlungsphasen“ unterschiedliche Eigenschaften im Kreislauf der sich wechselseitig hervorbringenden Elemente Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser.
In der für Europäer schwer verständlichen Ausdrucksweise wird nichts scheinbar klar auf den Begriff gebracht, vielmehr die Fülle der wahrnehmbaren Lebensäußerungen bildhaft einem System von Entsprechungen zugeordnet. Da geht es um „gestautes Qi“ oder „Blut-Trockenheit“. Und bei Psoriasis können etwa krankmachende „Winde“ das Yin schädigen. Doch was in unseren Ohren esoterisch klingt, ist  eine auf  Beobachtungen beruhende Sprache, mit der sich körperliche Zustände und emotionale Befindlichkeiten  treffend beschreiben lassen. Im Falle von Krankheit ist aus dieser Sicht die energetische Harmonie im Körper durch innere oder äußere Einflüsse gestört. Der Arzt muss herausfinden, welcher Art diese Störung ist und woher sie kommt. Dann setzt er gezielte Impulse, um das Gleichgewicht wieder herzustellen.

 

Neun verschiedene Muster

Die für Psoriasis typischen Hauterscheinungen sind auch in China schon seit jeher bekannt. Allerdings werden sie hier nicht als mehr oder weniger einheitliches Krankheitsbild unter der Bezeichnung „Schuppenflechte“ zusammengefasst, sondern in neun verschiedenen Störungsmustern dargestellt. „Sieben davon haben mit Hitze zu tun, was man im Westen mit `erhöhtem Stoffwechsel´ umschreiben würde“, sagt Dr. Gunter Neeb, in China zum Facharzt für TCM ausgebildet. Die sehr genaue Beschreibung der  Muster unterscheide die jeweiligen Eigenarten des Krankheitsverlaufs besser als die schulmedizinische Klassifikation.
So interpretieren TCM-Behandler neu auftretende Herde mit dicken gelblich-weißen Schuppen, die borkenartig wirken, als Zeichen für „toxische Hitze“. Läsionen, die seit Jahren immer an den selben Stellen unverändert bestehen, sich dick und erhaben von der umgebenden Haut abzeichnen und eher dunkel erscheinen, sind ein Hinweis auf das Muster „Blutstagnation“, erläutert die Heilpraktikerin Barbara Kirschbaum. Sie hat ebenfalls TCM studiert und praktische Erfahrungen an einer Hautklinik in China gesammelt, die auf die Behandlung von Psoriatikern spezialisiert ist.
Blasse, trockene Veränderungen  sprechen für das Muster „Blut-Trockenheit“. Ist dagegen „Hitze im Blut“ das Kernproblem, verläuft die Krankheit deutlich aktiver mit kleinen leuchtend roten Herden, die oft heftig jucken. Alle diese Störungsmuster werden für korrigierbar gehalten.  Methode der ersten Wahl ist jedoch keineswegs die Akupunktur.  Sie „wirkt nicht tief genug, um Hautprobleme anzugehen“, sagt Barbara Kirschbaum.

 

Vielfältige Rezepte

Wo westliche Spezialisten in einem „Fall von Psoriasis“ fast nur auf das betroffene Organ achten, begutachten TCM-Ärzte beispielsweise zusätzlich die Zunge oder fühlen den Puls und beziehen auf diese Weise den ganzen Körper in ihre Untersuchung mit ein. Die Heilrezepturen werden dann auf das individuelle Erscheinungsbild der Krankheit abgestimmt. Sie sind deshalb für verschiedene Patienten nie völlig identisch und müssen im Verlauf der Behandlung regelmäßig den jeweiligen Veränderungen des Zustandes angepasst werden.
Auf 85 Prozent schätzt Gunter Neeb den Anteil der Behandlungen, in denen man traditionell die Kräuterheilkunde einsetzt. Lediglich dem Rest bleibt die in Europa noch immer als Wahrzeichen chinesischer Medizin geltende Akupunktur vorbehalten. Weitere Verfahren sind Ernährungslehre, Massagen (Tuina) und die Heilgymnastik (Qi Gong).

Chinesische Kräuter werden zur innerliche Anwendung meist als so genannte „Dekokte“ verordnet. Dabei handelt es sich um Abkochungen mit den ausgewählten Mitteln. Von diesem konzentrierten Sud trinkt man mehrmals täglich einige Schlucke. Dekokte enthalten gewöhnlich mindestens zehn verschiedene Pflanzen.
Bevorzugt die westliche Schul­medizin einzelne chemisch definierte Wirkstoffen, setzt die traditionelle chinesische Medizin lieber auf komplexe Mischungen. Dabei können zum einen die Wirkmechanismen der einzelnen Pflanzen sich gegenseitig ergänzen und verstärken, zum anderen unerwünschte Effekte abgeschwächt werden.
Das belegt eine Untersuchung mit Indigo naturalis, einer Arzneipflanze, deren Wirksamkeit gegen Psoriasis der synthetischen Substanz Ethyliminium vergleichbar war. Diese gehört zu den Antikrebsmitteln wie Methotrexat. Zusammen mit anderen Pflanzen wurde Indigo naturalis jedoch sehr viel besser vertragen als Ethyliminium oder reiner Indigo naturalis. Darum ist für die Anwendung chinesischer Heilkräuter sehr viel Wissen und Erfahrung notwendig. „Eine Selbstmedikation kommt keinesfalls in Frage“, betont Barbara Kirschbaum.

 

Teilweise gut untersucht

Die westliche Dermatologie verwendet den inzwischen künstlich nachgebauten Extrakt eines im alten Ägypten medizinisch genutzten Doldengewächses, um die Haut für UVA-Licht empfänglich zu machen. Als gleich wirksam wie PUVA mit diesem 8-Methoxypsoralen (Meladinine®) erwies sich in einer Studie an 296 Pso-Patienten die Einnahme der Heilpflanze Radix angelicae dahuricae und anschließende UVA-Bestrahlung. Einziger Unterschied: Bei der pflanzlichen Arznei waren die Nebenwirkungen weniger stark.
Auch zu anderen Heilkräutern, mit denen Hautkranke behandelt werden, gibt es in China zahlreiche Untersuchungen. Demnach wirken die Pflanzenbestandteile auf molekularer Ebene beispielsweise Entzündungen entgegen, indem sie die Histaminausschüttung blockieren und verschiedene Arten von Immunzellen entweder hemmen oder stimulieren. Viele pflanzliche Wirkstoffe scheinen die bei Psoriasis übersteigerte Produktion von Hornzellen und damit verbundene Hautverdickung zu verhindern, andere ändern die Fließeigenschaften des Blutes und verbessern zum Beispiel nachweislich die Durchblutung im Nagelfalz. Auch antioxidative Effekte, durch die Zellen geschützt werden, wurden nachgewiesen.

Die Kosten für die Arzneimittel liegen bei etwa 60 bis 100 Euro pro Monat. Wie lange behandelt werden muss, ist je nach Dauer und Schwere der Erkrankung unterschiedlich. „Bei den meis­ten Patienten bessert sich der Hautzustand erkennbar bereits nach vier bis acht Wochen“, berichtet Gunter Neeb. „Bis zur weitgehenden Erscheinungsfreiheit vergehen dann zwischen sechs und zwölf Monaten, manchmal noch mehr.“ Dies deckt sich mit den Erfahrungen von Barbara Kirschbaum. Nur selten bleibe eine Behandlung völlig erfolglos.

 

Positive Aussichten

Dr. Mazin Al-Khafaji, in England tätiger Fachmann für TCM bei Hautkranken, nennt aufgrund klinischer Studien in China und eigener Beobachtung folgende Ergebnisse: Bei 45 bis 55 Prozent der innerlich mit Heilkräutern behandelten Patienten bildeten sich die Pso-Veränderungen restlos zurück. In der Hälfte dieser Fälle halte der erreichte Zustand zwei Jahre an. Insgesamt profitiere etwa ein Viertel der Patienten wenig oder gar nicht.
Da mit einer TCM-Therapie meist erst begonnen wird, nachdem jahrelang vergeblich herkömmliche Methoden probiert wurden, hört sich das durchaus viel versprechend an. Rückfälle sind zwar wie bei allen Behandlungsarten nicht ausgeschlossen. „In der Regel lassen sie sich aber relativ rasch durch eine erneute Einnahme der Arzneien in niedrigerer Dosierung als beim ersten Mal wieder in der Griff bekommen“, weiß Kirschbaum.
Zusätzlich zur inneren und gegebenfalls auch äußeren Anwendung von Kräuterarzneien rät Prof. Jingzhang Dai von der Universität Peking, der zur Zeit an der TCM-Klinik Kötzting im Bayrischen Wald praktiziert, auf die Ernährung zu achten. Meiden sollten Psoriasis-Patienten nach der chinesischen Lehre insbesondere Rind- und Hammelfleisch sowie Garnelen und Gewürze, die die Haut stark reizen. Gunter Neeb hat darüber hinaus oft beobachtet, dass ihnen Milchprodukte schlecht bekommen.

 

Akupunktur

AkupunkturUnd was ist mit den berühmten Nadelstichen ? Dabei sind sich die Fachleute offenbar nicht ganz einig. Während Prof. Dai diese Methode als sinnvolle dritte Therapiesäule ansieht, hält sie Barbara Kirschbaum für verzichtbar. Dr. Al-Khafaji sieht schlicht „keinen Nutzen“. Gunter Neeb schlägt schon aus Kostengründen seinen Patienten nur dann Akupunktur vor, wenn die Kräuter alleine nicht ausreichen.
Forschungsergebnisse zur Akupunktur bei Psoriasis sind weder besonders umfangreich noch eindeutig. Eine positive Bilanz ziehen zwei chinesische Studien. Bei der ersten wurden 30 von 61 Patienten nach durchschnittlich neun Sitzungen angeblich vollständig erscheinungsfrei, 14 erfuhren eine deutliche Verbesserung, die übrigen blieben gleich (Acupunct. Electrother Res. Int. J. 17,195-208;1992).

 

Forschung widersprüchlich

Im zweiten Versuch behandelte man bis zu 30-mal mit verschiedenen Akupunkturmethoden: Über 400 der 600 Patienten seien danach erscheinungsfrei gewesen, in rund 20 Prozent habe sich der Hautzustand deutlich gebessert, selten gar nicht verändert (Chin. Acupunc. Moxibustion 11, 16-19;1991).
Zu einem negativen Ergebnis kamen dagegen schwedische Dermatologen in der bisher einzigen kontrollierten Studie mit 56 Patienten, die willkürlich je zur Hälfte zehn Wochen lang zweimal wöchentlich richtige oder bloß vorgetäuschte Aku­punktur bekamen. Bei der Vergleichsgruppe waren die Nadeln neben den Akupunkturpunkten und nicht tief in die Muskulatur gestochen, außerdem nur zum Schein elektrisch stimuliert worden. Weder anhand des Psoriasis Area and Severity Index (PASI) für Ausdehnung und Schwere noch im Urteil der Patienten war ein Vorteil der aktiven gegenüber der Placebo-Behandlung festzustellen (Acta. Dermatol. Venerol. 77, 154-156;1997).
Die Frage nach dem Nutzen der Akupunktur bei Psoriasis ist damit wissenschaftlich noch immer offen. In der Praxis werden jedoch die meisten TCM-Therapeuten Heidi Rausch zustimmen. Die Fortbildungsbeauftragte der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur (DÄGfA) meint: „Mit Akupunktur lässt sich die Psoriasis selber nicht behandeln, man kann nur bestimmte Risikofaktoren wie die psychische Verfassung, durch die Schübe oft ausgelöst werden, positiv beeinflussen.“

 

Nur das eine oder beides?

Wer TCM probieren möchte, muss nicht völlig auf die Schulmedizin verzichten. Das eine kann das andere ergänzen, bestätigen die Fachleute. „ Es handelt sich jedoch nicht nur um einfaches Addieren“, warnt Jingzhang Dai. „Bestimmte Grundregeln müssen auf jeden Fall beachtet werden.“ In welcher Weise sich beide Medizinsystem am sinnvollsten kombinieren lassen, werde in China derzeit erforscht.

 

Wie überzeugen?

Während TCM-Therapeuten vor dem Austausch mit Schulmedizinern kaum zurückschrecken und oft sogar gerne mit ihnen zusammenarbeiten würden, interessiert sich die Gegenseite wenig dafür. „Die meisten Dermatologen verstehen das chinesische System nicht und schätzen es deshalb gering“, bedauern Gunter Neeb und Barbara Kirschbaum. Dabei sind sich beide sicher, dass eine frühzeitige Begleitung durch chinesische Heilmethoden die Erfolgschancen einer Psoriasistherapie in vielen Fällen verbessern würde. In entsprechenden Fortbildungsseminaren versuchen sie diese Überzeugung auch unter Ärzten zu verbreiten.

 

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