PSO aktuell - Der Ratgeber bei Schuppenflechte (Psoriasis)

DER RATGEBER BEI SCHUPPENFLECHTE

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Artikel aus PSO aktuell Heft 1/04

 

 

Juckreiz

Ein oft vernachlässigtes Problem

Was das Kratz-Verlangen erregt, gehört für Fachleute nicht zu den typischen Symptomen der Psoriasis. Umso mehr macht es den Betroffenen zu schaffen. Indes könnte ihnen vielfältig geholfen werden.

 

Juckreiz bei SchuppenflechteIn den dermatologischen Lehrbüchern steht noch immer, dass Schuppenflechte – anders als Neurodermitis – gewöhnlich nicht juckt. Prof. Ulrich Mrowietz von der Universitäts-Hautklinik Kiel verwies jedoch jüngst bei einer Fortbildungsveranstaltung auf Umfragen, denen zufolge 72 Prozent der Patienten diese lästige Sinnesempfindung angaben.

Nach der Schuppung zählt Juckreiz zu den am meisten störenden Symptomen, ermittelte die National Psoriasis Foundation in den USA unter den Mitgliedern dieser Selbsthilfe-Organisation. Dadurch wird die Lebensqualität in gleichem Ausmaß beeinträchtigt wie bei Neurodermitis, fanden Hautärzte an der Wake Forest Universität in Winston-Salem (North Carolina). Überraschend war, so Dr. Gil Yosipovitch: „Der Juckreiz ist nicht auf die Psoriasis-Herde und ihre unmittelbare Umgebung beschränkt.“

 

DIE MEDIZINISCHE Beurteilung des Krankheitsbildes richtet sich in erster Linie nach sichtbaren Anzeichen wie Rötung, Schuppung und Verdickung. Die Merkmale für Ausdehnung und Schwere beim Psoriasis Area and Severity Index (PASI) lassen sich zwar ebenfalls nicht objektiv, das heißt unabhängig vom Beobachter feststellen. Der Arzt kann aber den Hautbefund persönlich einschätzen, ohne den Patienten einzubeziehen. Dagegen ist nur von diesem selbst zu erfahren, ob und wie stark Juckreiz besteht. Die älteste und in der Praxis bis heute weit verbreitete Definition stammt von Samuel Hafenreffer. Er beschrieb 1660 das Jucken als „unangenehme Empfindung, die den Wunsch zu kratzen weckt.“ Unangenehm kann freilich für den einen dies, für die andere jenes sein. Die Forschung zur Lebensqualität versuchte auch, die individuelle Beschaffenheit des Juckreizes genau zu erfassen: Prickelt, sticht oder brennt eher, was man spürt? Kitzelt es bloß, oder tut die wuselige Anspannung regelrecht weh? Sind lediglich einzelne Stellen in Aufruhr oder der ganze Körper, dass man aus der Haut fahren möchte? Ist es immer gleich schlimm, oder werden die unsichtbaren Plagegeister erst unter gewissen Umständen wild?

Lange wurde das Jucken als „der kleine Bruder des Schmerzes“ bezeichnet. Man nahm an, dass beide Sinnesempfindungen auf dem gleichen Weg entstehen und es allein von der Reiz-Intensität abhängt, was wir jeweils wahrnehmen. Doch 1997 wiesen Wissenschaftler der Universität Erlangen besondere Nervenfasern nach.

 

DIE SEHR FEINEN „Jucknerven“ sind nicht von einer Markscheide umhüllt. Sie enden in den oberen Schichten der Haut als hauchdünne Fädchen, die wie Messfühler bestimmte Reize empfangen und in elektrische Signale umwandeln. Diese gelangen dann über das Rückenmark zu verschiedenen Teilen des Gehirns, wo sie das Kratz-Bedürfnis hervorrufen.

Unter den „nackten“ Endigungen der spezialisierten Nervenfasern werden einige mechanisch gereizt, zum Beispiel von Spannungsänderungen infolge trockener Haut. Andere sprechen auf Hitze an. Schließlich lassen sich solche Rezeptoren chemisch erregen durch eine Vielzahl von Stoffen, die als Überträger des Nervensystems (Neurotransmitter) und Gewebehormone bekannt sind. Am besten untersucht wurde Histamin. Dessen Wirkung bekommt man auch bei Kontakt mit Bienengift, Quallen-Fangarmen oder Brennnesseln zu spüren. In unserem Körper speichern vor allem Mastzellen der Oberhaut die Substanz. Aus diesen weißen Blutkörperchen wird Histamin unter anderem bei Allergien auf Arznei- oder Nahrungsmittel freigegeben. Ähnliche Symptome können nach dem Genuss von Käse, Fisch oder Rotwein aufgrund ihres relativ hohen Gehalts an Histamin auftreten.

 

AN DER KÖRPEROBERFLÄCHE sind die Juck-und Schmerzreize aufnehmenden Nervenendigungen verschieden. Kratzen erregt die Schmerzrezeptoren. Dadurch kann die Übertragung der beim Jucken ausgelösten Impulse zum Zentralnervensystem, die auf den gleichen Bahnen erfolgt, gehemmt werden. Was vorübergehend Erleichterung bringt, schädigt aber das Gewebe. Es reagiert mit Entzündung, die wiederum den Juckreiz verschlimmert, und der ist dann nur durch noch stärkeres Kratzen zu unterdrücken. So kann sich beides gegenseitig „aufschaukeln“. In diesem Teufelskreis überwiegt der kurzfristige Nutzen subjektiv den damit angerichteten Schaden. Man zieht ohne Rücksicht auf die Folgen den selbst zugefügten Schmerz vor. Indes lässt sich die Spirale der laufend gesteigerten Gegenwehr schon unterbrechen, wenn die Haut an den betroffenen Stellen nur gedrückt, gekniffen oder beklopft wird.

 

ERFAHRUNGSGEMÄß juckt Psoriasis hauptsächlich in plötzlich aufflammenden Phasen oder intertriginösen (lat. inter = zwischen, terere = reiben) Bereichen, wo Haut auf Haut liegt, etwa unter der weiblichen Brust oder in der Analfalte. Doch die äußeren Ursachen haben nicht bei jedem und jedesmal die gleiche Wirkung. Die Art der Empfindung hängt zum Beispiel davon ab, wie viel Aufmerksamkeit ihr geschenkt wird oder welche Gedanken und Gefühle damit verknüpft sind.

Zunächst bitzelt es vielleicht da und dort bloß ein bisschen. Wenn man sich mehr und mehr darauf konzentriert, wird die Störung immer heftiger. Umgekehrt kann sie ein Spaziergang, die anregende Unterhaltung im Café oder sonstige Ablenkung, die momentan mehr Interesse weckt, in den Hintergrund drängen. Manche neigen auch dazu, beim geringsten Warnzeichen gleich das Schlimmste zu befürchten: Dass sich der Juckreiz ins Unerträgliche steigert und ich nichts dagegen tun kann. Oder es geht einem dauernd durch den Kopf: Du darfst dich nicht kratzen. Dabei hat man das Gefühl, Rechenschaft schuldig zu sein, will nicht bevormundet werden und gönnt sich schließlich trotzig eine Belohnung, als die in dieser Lage das Kratzen erscheint. Hier müsste man statt dessen die Überzeugung stärken, das Problem anders als mit Händen in den Griff zu bekommen.

 

AUCH WENN DIE HAUT sichtbar verändert ist, muss sie nicht nur deswegen jucken. Unter anderem können Zuckerkrankheit, Leberschäden ungenügende Ausscheidungstätigkeit der Nieren oder bösartige Tumoren dahinter stecken. Ebenso in Betracht zu ziehen ist die unerwünschte Wirkung von Medikamenten, z. B. Husten stillendem Codein oder ACE-Hemmern zur Blutdrucksenkung. Nahrungsmittelunverträglichkeiten, ob allergisch bedingt oder durch mangelhafte Verdauung, führen oft neben Durchfall und Erbrechen zu Hautausschlägen. Bei Menschen mit Schuppenflechte spielen solche Reaktionen eine geringe Rolle. Wer dennoch glaubt, nach bestimmten Speisen, Tee, Kaffee, Fruchtsäften oder alkoholischen Getränken sei das Jucken schlimmer, sollte die mutmaßlichen Übeltäter weglassen. Bleibt der Reiz danach aus, kann später eine erneute Zufuhr den Zusammenhang bestätigen oder widerlegen.

 

DIE REZEPTOREN für Juckempfindung werden von Wärme alarmiert. Darum ist zumal im Sommer auf geeignete Kleidung zu achten. Sie sollte glatt, weit und saugfähig sein. Im Gegensatz zu Synthetikgewebe können Baumwolle, Seide oder Leinen die beim Schwitzen abgesonderte Feuchtigkeit aufnehmen. So wird durch den Kühleffekt beim Verdunsten die Erregung gedämpft, wie dies altbewährt feuchte Umschläge tun. Der im Bett meist verschlimmerte Juckreiz lässt sich lindern, indem man den Schlafanzug oder das Nachthemd vorher kurz ins Tiefkühlfach legt. Bei anhaltendem Kratzzwang kann es sogar erwägenswert sein, sich dem wohltuenden Frost einer Kältekammer auszusetzen.

Juckreiz und SchuppenflechteDie Redewendung „Das juckt mich nicht“ drückt Gleichmut aus. Der wird durch seelische Belastungen aller Art erschüttert, was wir unbestritten auch an der Haut zu spüren bekommen. Stress ist allerdings schon deshalb nicht einfach zu meiden, weil die Krankheit selbst wesentlich dazu beiträgt, beispielsweise mit befürchteter oder real erfahrener Ablehnung durch Mitmenschen. Dennoch kann man zumindest die schädlichen Folgen abfangen. Hierzu eignen sich Entspannungstechniken wie Autogenes Training, Yoga, Meditation oder progressive Muskelentspannung. Sie helfen, besser mit kitzeligen Situationen fertig zu werden. Zudem beugt die innere Ruhe und Gelassenheit nicht nur neuen Schüben vor, sondern beschleunigt auch den Therapieerfolg. Beides vermindert die Wahrscheinlichkeit von Juck-Attacken (vgl. PSO aktuell 3/2003, S. 8 und 11).

Das psychische Gleichgewicht, ohne das man sich in seiner Haut nicht wohlfühlen kann, wird seinerseits von sorgfältiger Körperpflege gefördert. Diese soll natürliche Hautfette schonen, bei einem Mangel deren Schutz vorübergehend künstlich durch Basiscremes und Ölbäder ausgleichen sowie die Feuchtigkeitsbindung unterstützen, z. B. mit Harnstoff. Dessen positive Wirkung auf trockene Haut ergänzt das Juckreiz stillende Polidocanol in Optiderm ® Creme/Lotion.

Eine wirksame Behandlung der Psoriasis-Erscheinungen beseitigt normalerweise das davon herrrührende Jucken. Mitunter kann dies allerdings erst Folge der angewandten Mittel sein. Beispiele dafür sind Salicylsäure, Dithranol, Steinkohlenteer, Tazaroten (Zorac®) oder Calcipotriol (Daivonex®/Psorcutan ®). Die beiden zuletzt genannten Wirkstoffe werden daher gern mit Kortison kombiniert.

 

DIE DEM NATÜRLICHEN HORMON der Nebennierenrinde nachgebauten Kortikoide kommen kurzfristig allgemein bei stark juckenden Formen in Betracht. Dies gilt besonders auf der Kopfhaut. Da sie die dort bevorzugten alkoholischen Lösungen austrocknen und damit wiederum zum Jucken reizen können, sind über Nacht einwirkende Cremes günstiger. In empfindlichen Regionen wie Analund Genitalbereich wird von Kortison abgeraten. Als sanfte Alternative empfehlen sich dabei synthetische Gerbstoffe (z. B. Tannolact®, Tannosynth ®, Delagil®). Neue Entzündungshemmer wie Protopic® oder Elidel ® versprechen für juckende Problemzonen gleichfalls Erfolg, obwohl die Haut nach dem Auftragen brennen kann.

Höllisch eingeheizt wird ihr anfangs oft durch Capsaicin, den Scharfmacher in Paprikaschoten. Diese Substanz verdrängt an den Nervenendigungen das Jucken vermittelnde Neurotransmitter. Dazu wird ein alkoholischer Extrakt in steigenden Dosen von 0,025 % bis 0,1 % zum Beispiel Kühlsalbe (Unguentum leniens) beigemischt und drei- bis viermal täglich angewandt.

 

DIE EINNAHME von Antihistaminika wie Soventol® oder Fenistil® ist bei Psoriasis höchstens angezeigt, wenn massive Kratzanfälle den Schlaf rauben. Dass solche Mittel müde machen, wäre dann eine erwünschte Nebenwirkung. Die meisten sind nicht verschreibungspflichtig und dürfen auf Kassenrezept nur noch verordnet werden „bei schwerwiegendem, anhaltenden Pruritus“, wie das Hautjucken im Medizinerlatein heißt.

 

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