PSO aktuell - Der Ratgeber bei Schuppenflechte (Psoriasis)

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Artikel aus PSO aktuell Heft 4/04

 

 

Entspannung

Verfahren gegen Stress - Die Haut von innen pflegen

Stress ist ein Faktor, der Psoriasis-Schübe auslösen kann. Weil die Haut sehr empfindlich auf Gefühlsregungen reagiert, wird sie im Volksmund als „Spiegel der Seele” bezeichnet. Psychologen empfehlen Menschen mit Schuppenflechte oft, ein Entspannungsverfahren zu erlernen, um ihrer Haut etwas Gutes zu tun. Auf welche Weise kann man über Entspannungstechniken die Haut erreichen und wie kann man dies lernen?

 

Entspannung bei SchuppenflechteKörper und Seele sind eins. Gefühle entstehen im Körper; was wir als emotionale Regungen wahrnehmen, ist aus medizinischer Sicht eine komplexe Folge von biochemischen Prozessen, die zu nachweisbaren körperlichen Veränderungen führen. Sei es der Blutdruck, Herzschlag, die Schweiß- oder Speichelproduktion, die Durchblutung bestimmter Körperteile oder die Muskelspannung, mit jedem Gedanken sendet das Gehirn mit Hilfe von Hormonen und Nervenbotenstoffen unterschiedliche Signale in den Körper, die dort messbare Reaktionen auslösen. Manche dieser Veränderungen kann man selber spüren – so etwa wenn einem die Schamröte ins Gesicht steigt, wenn der Angstschweiß ausbricht oder der Magen vor Aufregung krampft – andere spielen sich mehr im Verborgenen ab: Kaum jemand spürt selber, wenn sein Blutdruck steigt, das Immunsystem aktiv wird oder Hormone ausgeschüttet werden.

 

JE NACH ERBLICHER VERANLAGUNG wirkt sich Stress bei verschiedenen Menschen an unterschiedlichen organischen Schwachstellen aus – während der eine bei Ärger und Sorgen Magenschmerzen bekommt, kämpft ein anderer mit Migräne, und wieder andere mit böse entzündeten und/oder stark schuppenden Stellen auf der Haut.

 

Dass gerade die Haut oft besonders stark auf die psychische Verfassung reagiert, erklärt Diplom-Psychologe Bernd Huckenbeck-Gödecker, Ostercappeln, entwicklungsgeschichtlich. „Beim Embryo bilden sich Gehirn und Haut ganz früh aus den selben Anlagen – dem äußeren Keimblatt oder Ektoderm. Diese Organe bleiben auch später im Leben eng miteinander verknüpft.”

„Unter Stress werden im Gehirn Botenstoffe ausgeschüttet, die den Körper in Alarmbereitsschaft versetzten und auf Flucht oder Verteidigung einstellen”, sagt Dr. Kurt Seikowski, Psychologe/ Psychotherapeut an der Hautklinik Leipzig. Offensichtlich erkennbar ist dies an der erhöhten Muskelanspannung, durch die sich der Körper auf eine Flucht vorbereitet oder sich mit einer Art „Panzer” aus angespannten Muskeln gegen körperliche Angriffe wappnet. „Gleichzeitig verspannt sich auch die Muskulatur in der Haut, in inneren Organen und in den Blutgefäßen. Dadurch wird die Durchblutung gestört und es kommt unter anderem zu einer Fehlversorgung der Hautzellen “, erläutert Seikowski.

 

DOCH NICHT NUR DIE MUSKELN, sondern auch die Nerven und das Immunsystem reagieren auf psychische Belastungen. Unter Stress wird der Körper in die Lage versetzt, sich gegen mikroskopisch kleine Feinde wie Bakterien, Viren oder andere Fremdstoffe zur Wehr zu setzen. „Bei Patienten mit chronisch entzündlichen Hauterkrankungen sind oftmals während akuter Schüben sehr hohe Werte an Neurotrophinen und Nervenwachstumsfaktoren im Blut messbar” berichtet Dr. Natalia Novak, Oberärztin an der Hautklinik der Universität Bonn. „Vermutlich lösen diese Stoffen dann Kettenreaktionen aus, durch die Abwehrzellen in die Haut gelotst werden und dort zu Entzündungen führen.” Zwar wissen die Forscher noch nicht, auf welchen Wegen dies genau geschieht, bekannt ist jedoch, dass in psoriatischen Hautläsionen zum Teil die gleichen Botenstoffe zu finden sind wie im gestressten Gehirn. Sie werden direkt von den Nerven in die Hautzellen und das Blut ausgeschüttet. Bekannt ist außerdem, dass bei Psoriasis-Kranken deutlich mehr Nerven in die lädierten Hautstellen hinein reichen als in gesunde Bereiche, die Verbindung zwischen Haut und Gehirn ist an diesen Stellen also besonders gut „ausgebaut”.

 

VERSCHIEDENE PROZESSE wirken demnach zusammen, wenn die Haut unter Stress „zu blühen” beginnt. Die angespannte Haut wird durch verengte Gefäße schlechter durchblutet und gleichzeitig mit Entzündungsfaktoren „überschwemmt” – der normale Stoffwechsel gerät aus dem Gleichgewicht. Mit Medikamenten lässt sich zwar die Aktivität des Immunsystems unterdrücken und Entzündung verhindern, der eigentlichen Ursache des Problems – dem Stress, der all diese Folgereaktionen ja schließlich erst auslöst, rückt man so jedoch nicht zu Leibe.

Durchbrechen lässt sich dieser Teufelskreis mit gezielter Entspannung. „Entspannung führt dazu, dass die inneren Verspannungen sowohl auf Seiten der Muskeln wie der Gefäße gelöst werden. Dies wirkt heilend, weil sich dann die körperlichen Abläufe wieder normalisieren können”, erklärt Kurt Seikowski. Einen weiteren wichtigen Aspekt betont Bernd Huckenbeck-Gödecker: „Wenn jemand lernt, sich gezielt zu entspannen, bekommt er auch ein Gefühl dafür, wie er selbst aktiv Einfluss auf den Zustand seiner Haut nehmen kann. Das verbessert letztlich ganz entscheidend das Selbstvertrauen – man fühlt sich weniger ausgeliefert.”

Sich auf Kommando zu entspannen klingt zunächst aber eher paradox und unmöglich. Sollte man nicht lieber einfach Urlaub machen, wenn man merkt, dass der Stress zu zehren beginnt? „Nein”, sagt Kurt Seikowski „nur in den Urlaub gehen hilft überhaupt nicht. Entspannungstechniken machen nur Sinn, wenn man täglich übt.” Dies gelte übrigens auch für entspannende Alltagsgewohnheiten, wie etwa nach der Arbeit zu Hause erst einmal in Ruhe einen Tee zu trinken, bevor man sich an die Hausarbeit macht. „Nur Entspannung, die regelmäßig stattfindet, schafft Erleichterung” betont der Experte. Das wichtigste beim Erlernen einer Entspannungstechnik ist deshalb das regelmäßige Üben mindestens einmal pro Tag.

 

ES GIBT SEHR VIELE verschiedene Möglichkeiten, Entspannung herbeizuführen. Besonders häufig empfohlen wird das Autogene Training (AT) oder die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson (auch Progressive Muskelrelaxation oder PMR genannt). Diese beiden Verfahren gelten als anerkannt und die Kosten für Kurse in diesen Techniken werden von den Kassen übernommen.

Bei der Progressive Muskelentspannung wird das Problem gewissermaßen von hinten aufgerollt. Anstatt sich direkt auf das Lösen von Verspannungen zu konzentrieren, erreicht man dieses Ziel bei diesem Verfahren indirekt und nach einem ähnlichen Prinzip wie beim Sport, durch den man sich, nachdem man sich tüchtig verausgabt hat, in der Regel ja „so richtig schön kaputt”, d.h. angenehm erschöpft fühlt. Diesen Mechanismus wendet man bei der PMR in einer Kurzform an. In einer festgelegten Reihenfolge werden nacheinander jeweils für 10 bis 15 Sekunden verschiedene Muskelgruppen fest angespannt und dann wieder locker gelassen. Dies wird mehrfach wiederholt und systematisch über den ganzen Körper fortgesetzt. Nach der Anspannung sind die Muskeln dann in der Regel deutlich lockerer als vor der Übung.

 

MEHR VOM KOPF als vom Körper geht man beim Autogenen Training aus. Hier sind formelartige Vorsätze entscheidend für die Wirkungen des Verfahrens. Man nutzt dabei die Tatsache, dass sich über Vorstellungen Körperreaktionen auslösen lassen. Stellt man sich beispielsweise sein Lieblingsessen vor, so nimmt der Speichelfluss zu. Bei AT nützt man Vorstellungen, die bewirken, dass sich die Muskeln entspannen (z.B. „Mein Arm ist schwer”) und die Gefäße erweitern („Meine Füße sind warm”). Zu Beginn helfen die mit ruhiger Stimme vorgetragenen Anweisungen eines Kursleiters den Schülern, sich auf diese Vorstellungen zu konzentrieren, später gelingt es ihnen selber, jederzeit ihre Gedanken entsprechend zu lenken.

„Dieses Prinzip lässt sich erweitern – und zwar durch weitere bildhafte Vorstellungen” berichtet Kurt Seikowski. Auf diesen Gedanken hat ihn einst ein Patient gebracht, der wegen starker Gelenkschmerzen einige Zeit nicht mehr in die Klinik zur UV-Therapie kommen konnte. Zu Hause praktizierte er in dieser Zeit jedoch weiterhin Autogenes Training und dabei fiel ihm auf, dass er immer brauner wurde, obwohl er nicht in die Sonne ging. Gleichzeitig heilte seine Haut genauso schnell ab, als wäre er zur Bestrahlung gekommen. „Er erzählte uns, dass er sich während seiner Entspannungsübungen die Bestrahlungen vorgestellt hatte, die seiner Haut gut getan hatten.” Offenbar ist das Gedächtnis nicht nur in der Lage, Wissen zu speichern und abzurufen, sondern auch körperliche Prozesse und Erfahrungen, erklärt der Psychologe diesen überraschenden Befund. Ähnliches sei beispielsweise von Alkohol bekannt. So fühlen sich Menschen auch dann trunken, wenn sie nur glauben, ein alkoholisches Getränk zu sich zu nehmen, der Drink tatsächlich aber gar keinen Alkohol enthält. „Seit wir das wissen, nutzen wir diese Kraft der Vorstellung gezielt aus und lassen unsere Patienten mit Schuppenflechte während des AT an die Bestrahlungen oder auch an angenehm kühle Situationen denken, wie etwa den Urlaub am Strand, wenn ein leichter kühler Wind über die Haut streicht. Dies mindert z. B. den Juckreiz deutlich”, sagt Seikowski.

Über ähnliche positive Effekte berichten aber auch Anwender von Entspannungsverfahren, bei denen bildliche Vorstellungen keine Rolle spielen. So profitierten etwa in einer Studie unter der Leitung von Prof. Jon Kabat-Zinn von der University of Massachussets Schuppenflechtepatienten von einer buddhistischen Meditationstechnik, bei der es nur darum geht, den eignen Körper aufmerksam zu beobachten und dabei auf Erwartungen und Bewertungen jeder Art zu verzichten. Bei Patienten, die während einer UVA oder PUVA Behandlung auf diese Weise in sich gingen, verbesserte sich der Hautzustand deutlich schneller als in der Vergleichsgruppe, die nicht meditierte (siehe PSO aktuell 3/2003, 11).

Auch die Psychologen Kurt Seikowski und Bernd Huckenbeck-Gödecker können sich vorstellen, dass es verschiedene erfolgversprechende Wege zum selben Ziel gibt. Dennoch raten beide ihren Patienten in erster Linie zu Autogenem Training oder zur Progressiven Muskelrelaxation. „Diese Techniken sind weniger zeitaufwändig und leichter zu erlernen als andere”, erklärt Seikowski. „Und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man sie wirklich regelmäßig in seinen Alltag integrieren kann.” Seiner Erfahrung nach tun sich Gefühlsmenschen mit dem Autogenen Training leichter, weil sie aus dem Bauch heraus handeln. „Kopfmenschen wie Naturwissenschaftler, Handwerker oder Ärzte – haben beim AT oft das Problem, dass sie sich immer fragen, ob der Arm nun tatsächlich schwer ist, oder ob das nur so scheint. Sie bräuchten am besten ein Messgerät neben sich, um zu überprüfen, ob ihre Empfindungen auch der Realität entsprechen. Ein Bauchmensch vertraut dagegen eher auf seine Empfindungen. Kopfmenschen kommen deshalb besser mit der PMR zurecht, weil sie dabei etwas ganz Konkretes tun, das auch mit dem Verstand nachvollziehbar ist.”

Kurse, in denen man diese Verfahren erlernen kann, werden entweder von Ärzten, Psychotherapeuten oder von Krankenkassen und Volkshochschulen angeboten. Öffentliche Kurse, bei denen vor Beginn nicht für jeden einzelnen abgeklärt wird, ob dieses Verfahren für ihn sinnvoll ist oder nicht, sieht Seikowski kritisch: „Wenn man eine Entspannungstechnik erlernen will, aber zugleich viele Probleme im Kopf hat, klappt und wirkt das nicht.” In solchen Fällen wären seiner Ansicht nach oft erst ein paar Einzelgespräche mit einem Psychologen oder Psychotherapeuten angebracht. „Vor dieser Schwelle schrecken aber leider viele Schuppenflechte-Patienten zurück, weil sie Probleme häufig lieber verdrängen als sich ihnen zu stellen.”

 

Dr. Ina Schicker

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