Artikel aus PSO aktuell Heft 4/04
Nach dermatologischer Lehrmeinung schließen beide Erkrankungen einander aus. Einzelne Ärzte und Patienten wussten es schon immer besser. Eine umfangreiche Untersuchung gab ihnen Recht.
Seitdem die Wissenschaft hinter den sichtbaren Vorgängen an der Haut das Wirken des Immunsystems erkannte, schien klar: Es gibt zwei Arten von T-Helferzellen. Der TH1 abgekürzte Typ weißer Blutkörperchen steuert mit bestimmten Botenstoffen die als Schuppenflechte in Erscheinung tretende Abwehrreaktion. Bei Neurodermitis überwiegen dagegen TH2 und ihre Hilfstruppen, während normalerweise ein Gleichgewicht zwischen beiden besteht.
AUFGRUND DIESER ZWEITEILUNG dürfte theoretisch nur das eine oder das andere vorkommen. Ob das stimmt, überprüften Dr. Alla Stepanova und Mitarbeiter von der Universitäts-Hautklinik Halle an 1520 Patienten. In 80 Fällen (5,3 Prozent) fand man sowohl Anzeichen der Neurodermitis, z. B. Juckreiz, Trockenheit der Haut und deren als Dermographismus bezeichnete Weißfärbung nach Bestreichen mit einem Stift, als auch Kriterien der Psoriasis einschließlich Nagelveränderungen und Gelenkentzündung sowie damit verknüpfte Erbmerkmale (HLA-Antigene). Von 1216 wegen Psoriasis in die Tomesa-Fachklinik (Bad Salzschlirf) eingewiesenen Patienten hatten 29 (2,4 Prozent) zugleich Symptome der Neurodermitis. Ein solches Ekzem war bei 237 der Untersuchten bekannt. 15 Mal (6,3 Prozent) entdeckte man zusätzlich Schuppenflechte. Die an einer großen Fallzahl ermittelte Häufigkeit des Zusammentreffens liegt zwischen den von 1,7 bis 16,7 Prozent reichenden Angaben in der Literatur. Das Durchschnittsalter der während eines Reha-Aufenthaltes erfassten Kranken betrug 45 Jahre.
Erste Hinweise auf die offenbar doch nicht so seltenen Mischformen seien Juckreiz und das als Dyshidrose bekannte Auftreten praller Bläschen, heißt es (Akt. Dermatol. 30, 293-299; 2004). Die Kennzeichen der örtlich veränderten Funktionsweise des Immunsystems, fachsprachlich Atopie genannt, sind dabei so häufig wie bei klassischer Neurodermitis. Fast die Hälfte der doppelt Betroffenen wies erhöhte Werte der bei erworbener Überempfindlichkeit gebildeten Antikörper (Immunglobuline der Klasse E, IgE) auf.
DIE DIAGNOSE hat Konsequenzen für die Therapie. Diese muss bei nachgewiesener Neigung zu Neurodermitis vor allem Hautreizungen vermeiden. Neben der milden Entzündungshemmung ist eine ausreichende Versorgung der empfindlichen Haut mit Fett und Feuchtigkeit besonders wichtig. Dithranol komme sicherlich nicht in Betracht. Ebenso seien innerliche Mittel wie Acitretin (Neotigason ®) zurückhaltend einzusetzen, folgern die Hautärzte in Halle aus ihren Befunden.