Artikel aus PSO aktuell Heft 1/05
Bei angeborener Psoriasis-Bereitschaft kann die Haut auf vielerlei Reize mit neuen Herden reagieren. Das Risiko ist zwar nicht immer und für jeden gleich groß. Denkbare Herausforderungen sollten trotzdem, so weit möglich, gemieden werden.
Zum American Way of Life gehören heute dienstbare Skalpellkünstler. Auch im alten Europa modeln sie immer häufiger das naturgegebene oder vom Leben strapazierte Aussehen um. Dabei übt sich, wer mithalten will, schon früh. Ein Viertel der weiblichen Kundschaft plastischer Chirurgen in Deutschland ist jünger als 25 Jahre. In Nordrhein-Westfalen gaben fast 20 Prozent der dazu befragten Schüler an, sie würden sich später einmal Fett absaugen lassen, meldete die Süddeutsche Zeitung. Und vermehrt sind Männer den kosmetischen Korrekturen zugetan.
AUF ETWA EINE MILLION pro Jahr schätzt man mittlerweile die Zahl solcher Eingriffe zwischen Rostock und Rosenheim. Ob Hüften, Schenkel, Busen, Augenlider, Nasen, Kinnpartien oder andere Körperteile in die gewünschte Form gebracht werden: Schönheitsoperationen haben wachsenden Zulauf bei jenen, die es sich leisten können, den Vorbildern der Mode und des Starkults nachzueifern.
Wenn Menschen mit Schuppenflechte dem plakatierten Trend folgen, gehen sie nicht nur das allgemeine Risiko ein, dass der Renovierungsversuch für viel Geld enttäuschend wenig erreicht. Die dazu nötigen Einstiche oder Schnitte kann ihre Haut zudem übel nehmen. Ohnehin nie so makellos wie die der Idole, wird sie an derart gereizten Stellen womöglich von frischen Herden verunziert.
Das unter seinem Namen bekannte Phänomen hat zuerst 1872 der Dermatologen Heinrich Köbner bei einem Psoriasis-Patienten nach Pferdebiss und Tätowierung beobachtet. Was Fachleute als isomorphen Reizeffekt kennzeichnen, beschränkt sich nicht auf gleichgestaltige Erscheinungen der Hautkrankheit im Bereich von Verletzungen. Die Liste möglicher Ursachen umfasst inzwischen die verschiedensten Schädigungen der Haut. Und deren Wirkung muss keineswegs örtlich begrenzt bleiben, sondern kann allgemein die Krankheit anfeuern. Mal bahnt eine Schürfung der Schuppenflechte den Weg, mal ist es ein Zeckenbiss, eine Impfung oder die Akupunkturnadel. Der Teufelskreis von Jucken und Kratzen kann ebenso zu den typischen Symptomen führen wie ein zu fest angezogener Gürtel. So lässt sich etwa die Vorliebe der Psoriasis für Knie und Ellenbogen durch deren ständige mechanische Beanspruchung erklären.
OB DIE HAUT CHEMISCH VERÄTZT, mit kochendem Wasser verbrüht, von Sonne verbrannt wird, auf Infektionserreger oder zum Nachweis einer Allergie aufgetragene Testssubstanzen reagiert – stets ruft dies dort eine Entzündung hervor. Damit wehrt sich das Gewebe gegen Attacken. Was dann bei vorhandener Krankheitsneigung sozusagen der Zündfunke für ein anderes Übel sein kann.
Ein anschauliches Beispiel ist der kürzlich veröffentlichte Fall einer 17-Jährigen, die an Windpocken erkrankte. Der bei dieser Virusinfektion typische Ausschlag heilte nicht ab, sondern die Pusteln hatten sich nach vier Wochen in psoriatische Plaques umgewandelt. Symptome der gewöhnlichen Schuppenflechte waren zuvor bei der Patientin nicht beobachtet worden, jedoch von ihrem Vater bekannt (Akt. Dermatol. 30, 123-125; 2004).
Dass der normale Abwehrvorgang gesteigert wird zu einem, bei dem sich die Hautzellen überstürzt vermehren, soll an fehlgeleiteten T-Lymphozyten liegen, also jenen Immunzellen, denen man heute die zentrale Rolle im Krankheitsgeschehen zuschreibt. Sie liegen selbst in der gesund aussehenden Haut als jederzeit scharf zu machende Zeitbomben bereit. Warum sie nur bei einem Teil der Betroffenen die als Köbner´scher Reizeffekt in Erscheinung tretende Antwort veranlassen, ist allerdings bisher unklar.
EINIGE FORSCHER vermuten, die Bereitschaft sei erblich bedingt und könne vielleicht irgendwann aufgrund eines bestimmten Gen-Musters vorhergesagt werden. Indes meinen erfahrene Ärzte und Patienten: Die Gefahr ist selbst bei jemand, der das Phänomen schon einmal an sich erfahren hat, nicht immer gleich groß. Auslösen lässt es sich vor allem in Phasen eines bevorstehenden Schubes, während das Risiko in dem Maße abnimmt, in dem die Psoriasis wieder zur Ruhe kommt.
Dem widersprechen jedoch einzelne Untersuchungen, die keinen Zusammenhang fanden zwischen Köbner-Phänomen und Krankheitsstadium oder anderen Einflussfaktoren. Noch verwirrender sind Berichte, dass bestehende Psoriasis-Plaques durch Ereignisse, die sie sonst zum Vorschein bringen können, etwa eine Schnittwunde, verschwinden oder zum Beispiel unter der Armbanduhr, dem BH-Träger gar nicht auftreten, obwohl die angrenzende Haut in dieser Region befallen ist. Das wurde umgekehrtes (reverses) Köbner-Phänomen genannt, kann aber schwer nachvollzogen werden und sollte auf keinen Fall dazu verleiten, die Schuppenflechte durch gewaltsame Manipulationen bessern zu wollen. Denn viel eher verschlechtert dies den Zustand. Davon kann sich meist prompt überzeugen, wer zum Beispiel seine von schuppigen Krusten bedeckte Kopfhaut mit Fingernägeln oder Kammzinken traktiert.
SOLCHEN HANDGREIFLICHEN Provokationen entzieht eine wirksame Therapie und der Austrocknung vorbeugende Pflege die Grundlage. Schwieriger zu umgehen sind weit verbreitete Stoffe, die unmittelbar oder infolge erworbener Überempfindlichkeit nach Kontakt die Haut reizen können. Hinzu kommen etliche, die an sich harmlose UV-Mengen zum Gift machen, so dass diese mehr oder weniger heftige Entzündungen erzeugen.
Derlei „phototoxische” Substanzen sind in zahlreichen Pflanzen vorhanden und werden als Psoralene zur Verstärkung der UVA-Strahlen bei PUVA-Behandlung genutzt (vgl. PSO aktuell 2/2004, S.17). Einige Bestandteile von Kosmetika oder Medikamenten können gleichfalls die Lichtempfindlichkeit erhöhen und mit dem dann drohenden Sonnenbrand vor Ort die Schuppenflechte herausfordern.
Mitunter schüren UV-Strahlen freilich nur das bereits entzündete Feuer. Darauf hat jüngst das Bundesinstitut für Risikobewertung hingewiesen, als es vor schwerwiegenden Hautreaktionen durch Shiitake warnte. Der knoblauchartig schmeckende Pilz wird in Japan gegen Bluthochdruck, Magenkrebs und andere Krankheiten gepriesen. Die asiatische Spezialität findet mittlerweile auch bei uns immer mehr Anhänger. Doch wenige Stunden nach der Mahlzeit wurden wiederholt juckende, peitschenhiebartige Rötungen der Haut festgestellt. Der als „Flagellanten-Dermatitis” bezeichnete Ausschlag, so die Berliner Behörde, zeige sich bei empfänglichen Personen unabhängig davon, ob die Pilze roh, gekocht oder gebraten verzehrt werden. Sonne mache alles noch schlimmer.
IN BETRACHT ZU ZIEHEN ist demnach vieles, ohne dass es für die Einzelnen praktische Bedeutung haben muss. Niemand kann sich völlig schützen vor dem, was möglicherweise die Psoriasis an zuvor nicht betroffenen Stellen aufscheucht. Mag die Gewichtigkeit solcher Umstände wissenschaftlich nicht schlüssig belegt sein, so sollte die Haut dennoch nicht leichtfertig gereizt werden.
Wie wichtig einem ihr Schmuck mit Piercing oder eingestichelten Farbmustern ist, und ob man bei chirurgische Verschönerungen (Facelifting etc.) wenig attraktive Nebenwirkungen hinnimmt, das hat jede(r) eingedenk der persönlichen Vorgeschichte abzuwägen. Auch medizinisch begründete Operationen sind nicht immer gleich dringlich. Kann man den Zeitpunkt, etwa für die Entfernung der Gallenblase, planen, wartet man besser ab, bis die Krankheit von selbst oder durch ihre Behandlung einigermaßen friedlich geworden ist. Um sicher zu sein, empfehlen manche Dermatologen, zum Schluss durch ein mittelstarkes Kortisonpräparat die letzten Entzündungsreste zu beseitigen.