PSO aktuell - Der Ratgeber bei Schuppenflechte (Psoriasis)

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Artikel aus PSO aktuell Heft 3/05

 

 

Schwefelbäder

Gut für die Haut und Gelenke?

Es stinkt nach faulen Eiern – aber das schreckt die wenigsten. Einige Patienten mit Hautproblemen oder chronisch entzündlichen Gelenkerkrankungen schwören auf das Baden in warmen Schwefelquellen. Die meisten Kurorte, die über natürliche Schwefelquellen ver fügen, führen Schuppenflechte und Psoriasis arthritis ausdrücklich als Anwendungsgebiete auf. Tun sie dies nur aus Tradition oder spricht der medizinische Erfolg tatsächlich für das Baden in den unangenehm riechenden Thermalwässern?

 

SchwefelbäderDen Gestank von Schwefelwasserstoff schrieben die Menschen in alten Zeiten nicht von ungefähr dem Teufel zu: Die faulig riechenden Schwaden steigen oft aus vulkanischen aktiven Erdspalten auf; wenn sich der Geruch des Schwefelwasserstoffs in den Schleimhäuten festgesetzt hat, bekommt man ihn lange nicht mehr aus der Nase. Silber und viele andere Metalle verfärben sich schwarz, wenn sie mit Schwefeldämpfen oder schwefelhaltigem Wasser in Kontakt kommen. In höheren Konzentrationen sind Schwefeldämpfe hoch giftig.

Doch wie so oft in der Natur und in der Medizin, ist alles eine Frage der Konzentration. Denn der menschliche Körper ist auf Schwefel angewiesen. Schwefelverbindungen sind Grundbausteine von Aminosäuren und körpereigenen Eiweißen, haben wichtige Funktionen im Zellstoffwechsel. Am richtigen Ort, in der richtigen Menge ist Schwefel deshalb auch ein wichtiges Heilmittel. Menschen haben dies schon früh erkannt und nützen deshalb Schwefel seit Urzeiten zu Heilzwecken.

 

BEREITS IM ALTERTUM wurden schwefelhaltige Salben und Puder zur Pflege bei Hautkrankheiten benützt, badeten Menschen in schwefelhaltigen Quellen, wenn sie von Gliederschmerzen geplagt wurden oder tranken schwefelhaltige Wässer gegen Verdauungsbeschwerden. Die heilsame Wirkung von Schwefel ist in vielen verschiedenen traditionellen Medizinsystemen bekannt. In der Schulmedizin ist er dagegen zunehmend in Vergessenheit geraten. Hautärzte erfahren in Ihrer Ausbildung heute nur noch wenig über Schwefel und Schwefelpräparate, sie lernen sie allenfalls als historische Arzneimittel kennen, deren Wirksamkeit umstritten sei, und die zu Hautirritationen und Hauttrockenheit führen können.

Als rezeptfreie Arznei- oder Hautpflegemittel, die in den letzten Jahren allerdings fast alle wegen fehlender wissenschaftlicher Studien zu ihrer Wirksamkeit ihre Zulassung verloren haben und vom Markt verschwunden sind, waren schwefelhaltige Zubereitungen wie etwa Sulphoderm-Puder gegen Akne oder Sulphosanbad gegen rheumatische Schmerzen dagegen lange Zeit bei den Verbrauchern sehr beliebt. So zeigen beispielsweise Aufzeichnungen aus dem Bezirk Halle aus dem Jahr 1989, dass davon etwa 30% mehr einzelne Packungen über den Ladentisch gingen als antibiotikahaltige Salben. Mehr als die Hälfte dieser Präparate kauften sich die Betroffenen auf eigene Veranlassung, nur jede dritte Packung war damals vom Arzt verordnet worden.

Ähnliches scheint auch für Badekuren in schwefelhaltigen natürlichen Thermalwässern zu gelten, die fast überall in Europa zu finden sind. Viele von diesen Kurorten werben wie beispielsweise Bad Nenndorf in Niedersachsen oder Smrdaky in Slowenien ausdrücklich auch um Patienten mit Schuppenflechte und Psoriasis arthritis. Die Entscheidung für eine solche Kur treffen viele Gäste nicht auf ausdrückliches Anraten ihres Arztes, sondern auf eigene Initiative, wenn sie auf der Suche nach Kur-Urlaubsangboten über positive Erfahrungsberichte stolpern oder von Bekannten hören, wie gut diesen das „schwefeln“ getan habe.

 

VOR ALLEM IN FORM von Schwefelwasserstoff, der im Thermalwasser gebunden ist, dringt Schwefel sehr leicht in die Haut ein. Wie der Schwefel dann im Körper wirkt, ist im Detail noch nicht endgültig geklärt. Ursprünglich hatte man angenommen, dass die Schwefelmoleküle dann direkt vom Körper verarbeitet und in Haut-, Knorpel- oder Muskelgewebe zur Regeneration und dem Aufbau neuer Zellen genutzt würden. Diese Vorstellung haben jedoch neuere Forschungsergebnisse widerlegt. Nur Schwefel, der über die Nahrung aufgenommen wird, kann auf diese Weise verstoffwechselt werden. Die vergleichsweise um das Tausendfache geringeren Schwefelmengen, die beim Baden über die Haut aufgenommen werden, gelangen zwar letztlich über den Blutkreislauf auch an viele Winkel des Körpers, ihre Wirkung entfalten sie jedoch an Ort und Stelle in der Haut und zwar indirekt, wenn der Schwefel sich mit Sauerstoff verbindet, also oxidiert wird. Dabei entstehen Stoffwechselprodukte, und erst diese bewirken die eigentlich nützlichen Veränderungen. Fachleute sprechen von einer „Erhöhung des Hautreduktionswertes“. Gemeint ist damit die gesteigerte Fähigkeit der Haut, aggressive isolierte Sauerstoffmoleküle, sogenannte Sauerstoffradikale, abzufangen und damit Entzündungen einzudämmen. Außerdem werden die Langerhanszellen in der Haut, die eine wichtige Funktion bei der Aktivierung von Zellen des Immunsystems haben, blockiert – ähnlich wie dies auch durch UV-Bestrahlung oder Hydrokortison bewirkt werden kann.

„Schwefelbäder gehören zu den stärksten Mitteln der Reiz-Reaktionsbehandlung“, sagt der Münchner Balneologe Prof. Helmut G. Pratzel, der ihre Wirksamkeit eingehend untersucht hat. „Während einerseits krankhafte Prozesse in der Haut gedämpft werden, werden andere Vorgänge durch den hautreizenden und durchblutungsfördernden Schwefel stimuliert. Auf dieses Ungleichgewicht reagiert dann der Körper, indem er seine Selbstheilungskräfte mobilisiert.“ Aus neueren Untersuchungen gehe außerdem hervor, dass die durch Schwefel gereizte Haut in der Lage ist, körpereigene Schmerzmittel, sogenannte endogene Opiate, zu bilden, berichtet der Experte. Dies habe zur Folge, dass die Nerven deutlich unempfindlicher auf Druck oder Kälte reagieren und sei der Grund dafür, weshalb die Betroffenen Schwefelbäder als schmerz- und juckreizstillend empfinden. Interessanterweise trete die schmerzlindernde Wirkung nicht nur an der gebadeten Hautstelle, sondern am ganzen Körper auf.

 

WÄHREND SCHWEFEL auf chronische Entzündungen günstig wirkt, kann er akute Prozesse noch weiter „anheizen“. Bei akuten Schüben rheumatischer Erkrankungen sind Schwefelbäder deshalb nicht sinnvoll.

In der Haut scheint Schwefel, der sich in den Basalzellen ansammelt, außerdem die bei Schuppenflechte übersteigerte Produktion der Hornzellen zu bremsen, berichtet die Bad Nenndorfer Dermatologin Dr. med. Elisabeth Schubert. Sie schickt seit über 25 Jahren Psoriasis- Patienten zum Baden entweder in schwefel- oder schwefelsolehaltiges Wasser. „Vor allem Patienten mit offenen Hautstellen empfehle ich lieber das Bad in rein schwefelhaltigem Wasser als in solehaltigen Quellen, denn im Unterschied zu Sole brennt Schwefel nicht in den Wunden“, erklärt die Ärztin einen entscheidenden Vorteil des Schwefels. Ansonsten unterscheide sich die Wirkung von schwefel- und salzhaltigen Heilwässern auf die Haut kaum. Beide bewirken ein Aufweichen und Aufquellen der Hautzellen, wodurch sich Schuppen gut ablösen. Außerdem wird die Haut durch die Badekur durchlässiger für UV-Bestrahlung, mit denen auch in Bad Nenndorf die Badekur grundsätzlich kombiniert wird. „Anders als die Behandlung mit dem Medikament Psoralen, steigern die Bäder aber nicht die Lichtempfindlichkeit allgemein“, betont Dr. Schubert. „Das ist vor allem im Sommer ein großer Vorteil, wo Patienten, die Psoralen einnehmen, extrem sonnenbrandgefährdet sind und eigentlich überhaupt nicht unter Tag aus dem Haus gehen sollten.“ Patienten mit Psoriasis arthritis behandelte Dr. med. Elisabeth Schubert in enger Kooperation mit dem Rheumatologen Dr. med. Wolfgang Brückle von der Rheumaklinik Sonnengarten in Bad Nenndorf. Auch er ist vom Nutzen des Schwefelwassers für seine Patienten überzeugt. „Wir haben vor ein paar Jahren eine kleine Pilotstudie mit 20 Polyarthritis- und Psoriasis arthritis- Patienten mit geringer bis mittlerer Krankheitsaktivität an unserer Klinik durchgeführt.

 

IN EINEM ZEITRAUM von drei bis vier Wochen badeten diese Patienten zusätzlich zur bereits seit langem durchgeführten Therapie mit entzündungshemmenden Medikamenten (nichtsteroidale Antirheumatika oder Kortikosteroiden) durchschnittlich zehnmal in Schwefelwasser. Wir stellten bei 50 Prozent der Patienten eine Besserung der Gelenkschwellung, bei 65 Prozent der Gelenkschmerzen, bei 80 Prozent der Morgensteifigkeit sowie bei 35 % auch der Blutsenkungsgeschwindigkeit fest, die ein Maß für den Rückgang der Entzündungsprozesse ist.“ Leider fehlt in der Studie eine Kontrollgruppe ohne Badeanwendungen, sodass die Aussagekraft der Untersuchung nur begrenzt ist. Ähnliche Probleme zeigen sich auch bei einigen anderen Studien, die zu diesem Thema durchgeführt wurden.

Dass die Studienlage zum Nutzen von Schwefel bei Psoriasis und Psoriasis- Arthritis insgesamt recht dünn ist, liegt zum einen daran, dass die klassischerweise geforderten plazebokontollierten Studien wegen des eindeutigen Geruchs des „Verums“ nicht ganz einfach durchzuführen sind. Sie gelingen nur in Badeabteilungen, in denen schwefelwasserstoffhaltige Luft es den Patienten unmöglich macht, zu erkennen, ob auch in der eigenen Badewanne Schwefel oder doch nur Leitungswasser enthalten ist.

Diese Möglichkeit nutzten Pratzel und Mitarbeiter in mehreren kontrollierten Untersuchungen an Patienten mit Weichteilrheuma, Osteoarthrose oder Spondolysen und konnten positive Effekte nachweisen.

Zum anderen teilt Schwefel das Schicksal vieler traditioneller Naturheilmittel, die für die Pharmaindustrie nicht interessant sind, weil sie sich nicht als industriell hergestellte Produkte vertreiben lassen. Aus mangelndem wirtschaftlichen Interesse finden sich daher kaum Geldgeber für Forschung in diesem Bereich.

 

WAS AN ERKENNTNISSEN aus der Praxis vorliegt, wurde im Wesentlichen 1990 und 1994 bei internationalen wissenschaftlichen Symposien über die Bedeutung von Schwefel in der Medizin zusammengetragen, zu dem sich Fachleute ebenfalls in Bad Nenndorf trafen. Hier berichteten unter anderem Fachleute aus Slowenien, der Slowakei und Österreich über positive Erfahrungen mit der kombinierten Therapie von Schwefelthermalwasser und UV-, vor allem UV-B-Bestrahlungen, während das schwefelhaltige Wasser alleine bei Hautproblemen keine ausreichende Wirkung zeigte.

Die Gefahr von Nebenwirkungen ist ähnlich wie beim Baden in Sole auch bei Schwefelwässern gering. „Sehr selten entwickelt jemand mal eine sogenannte Schwefeldermatitis mit geröteter und brennender Haut vor allem im Bereich von Schultern, Brustkorb und Lendenwirbelsäule“, berichtet Dr. Elisabeth Schubert. Diese Komplikation sei aber unproblematisch und lasse sich mit einer hydrocortisonhaltigen Creme innerhalb von drei Tagen beseitigen. „Mit einer verbesserten zusätzlichen Hautpflege konnten bisher alle Betroffenen die Schwefel-Badekur ganz normal fortsetzen“, so die Ärztin. Der Balneologe Helmut Pratzel berichtet, dass nach Schwefelbädern unter Umständen nicht abgeklungene Infektionen oder Krankheitsprozesse an den Zähnen erneut aufbrechen können. „Erfahrungsgemäß nehmen in der zweiten Kurwoche die Schmerzen bei fast allen Kranken zu. Dieser reaktiven Krise folgt eine langsam einsetzende Besserung. „Wir sehen diese Krise als notwendiges Zeichen einer Mobilisierung und Reaktivierung körpereigener, die Gesundheit fördernder Funktionen.“

Zweifel an Schwefel als entscheidendem Faktor für die Besserung des Hautzustands hat Prof. Dr. Jürgen Kleinschmidt vom Institut für Medizinische Balneologie und Klimatologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Auch wenn er nicht bestreitet, dass sich Schwefelwässer ähnlich wie die verschiedenen Arten von Sole mehr oder minder gut dazu eignen, die Haut für UV-Wirkungen vorzubereiten, sieht er nicht nur die Balneo- Photo-Therapie, sondern „letztlich das Gesamtkonzert aller Kurmaßnahmen“ als entscheidend für die Besserung von Schuppenflechte an. In diesem Punkt würde ihm allerdings auch wohl kaum einer der Anhänger der Schwefeltherapie widersprechen. In keinem der Kurorte kommt man ganz ohne weitere Anwendungen aus, darunter oft auch Salben auf Salizylsäure-Basis, Cygnolin oder Kortison. „Insgesamt sprechen Patienten recht unterschiedlich auf Schwefelbadekuren an“, so die Erfahrung von Dr. med. G. Partsch vom Schwefelbad Wien-Oberlaa. Das gleiche dürfte auch für die zu erwartende Dauer der rückfallfreien Zeit nach der Kur gelten.

 

Dr. Ina Schicker

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