Artikel aus PSO aktuell Heft 2/06
Viele an Naturheilverfahren interessierte Menschen schwören auf die Einnahme von Mineralsalzen nach Wilhelm Heinrich Schüßler. Diese nach homöopathischen Verfahren hochverdünnten bzw. „potenzierten“ Mineralsalze sollen bei einer Vielzahl von Beschwerden helfen. Die Auswahl des richtigen Salzes sei zudem deutlich einfacher als die Auswahl eines passenden homöopathischen Mittels, sagen die Anhänger der Schüssler-Therapie. Lohnt ein Versuch bei Schuppenflechte und Psoriasis arthritis?
Die 12 Salze des Lebens – so lautet der wohlklingende und an tiefe Gefühle rührende Titel eines Buches über die Therapie mit Schüsslersalzen. Das „Salz des Lebens“ ist eine Formulierung, die in der Kirche als Methapher für Jesus verwendet wird, als Sinnbild für etwas, dem man grenzenlos vertrauen kann, das Heil bringt und auf das man nicht verzichten kann. Und dass es sich im Falle der Schüsslersalze zudem genau um zwölf Stück handelt – also ebenso viele wie die Apostel – dürfte wohl auch nicht ganz zufällig sein. Der Untertitel „Biochemie nach Dr. Schüßler“ klingt dagegen streng wissenschaftlich.
Dieser Kontrast macht in wenigen Worten deutlich, in welchem Spannungsfeld die Lehre von den Schüsslersalzen steht. Einerseits betonte ihr Begründer ausdrücklich die „biochemischen“ Grundlagen und damit den naturwissenschaftlichen Anspruch seiner Theorie. Andererseits stellte er seine Mittel mit Methoden aus der Homoöpathie her, die mit dem physikalisch-mechanistischen Weltbild der Schulmedizin nicht in Einklang zu bringen ist.
DER WIDERSPRUCH wird vor dem zeitgeschichtlichem Hintergrund des 19. Jahrhunderts verständlich. Der Arzt Wilhelm Heinrich Schüßler lebte von 1821 bis 1898. Eine Zeit, geprägt „von der allmählichen Abkehr der bis dahin herrschenden naturphilosophischen Betrachtungsweise des Menschen und der Krankheiten hin zu einer naturwissenschaftlich begründeten Medizin“, so Angelika Gräfin Wolffskeel, Autorin des Buches „Die 12 Salze des Lebens“. Die Mikrobiologie steckte noch in den Kinderschuhen. Gerade erst hatte man entdeckt, dass die kleinste Lebenseinheit
die Zelle ist und dass Krankheiten mit Veränderungen der Zellen einhergehen. Schüssler hatte verstanden, dass ein intakter Zellstoffwechsel Grundlage für Gesundheit ist, und dass für diesen Zellstoffwechsel insbesondere anorganische Salze eine wichtige Rolle spielen. Daraus folgerte der Arzt umgekehrt, ein Mangel an Mineralstoffen in den Zellen sei die wesentliche Ursache von gestörten Körperfunktionen.
UM DIESE MÄNGEL AUSZUGLEICHEN, begann Schüssler seine Patienten gezielt mit Mineralsalzen zu behandeln, allerdings in hoch verdünnter Form. „Jedes biochemische Mittel muss so verdünnt werden, dass die Funktion gesunder Zellen nicht gestört, vorhandene Funktionsstörungen aber ausgeglichen werden können“, begründete er selber dieses Vorgehen, das in diesem Punkt der Homöopathie ähnelt.
Dennoch verstand Schüssler seine Methode ausdrücklich als etwas ganz anderes: „Mein Behandlungsverfahren ist kein homöopathisches, denn es gründet sich nicht auf das Ähnlichkeitsprinzip, sondern auf die physiologisch-chemischen Vorgänge, welche im menschlichen Organismus sich vollziehen.“
„Schüssler wählte die homöopathische Aufbereitung seiner Salze, um eine bessere Bioverfügbarkeit zu erreichen und die Resorption und das Hinwandern an den Ort, wo das Salz wirken soll, zu begünstigen“, erklärt auch Heilpraktiker Hans-Heinrich Jörgensen, Vizepräsident des Biochemischen Bundes, des Verbandes der Anhänger der Therapie nach Schüssler. Zum Einsatz kommen dabei nur relativ niedrige Potenzen, die im Unterschied zu vielen anderen homöopathischen Mitteln durchaus einen noch messbaren Wirkstoffanteil enthalten. „Ein D3-Potenz entspricht in etwa einer Verdünnung im Milligramm- und eine D6-Potenz einer Verdünnung im Mikrogramm-Bereich“, stellt Jörgensen klar. „Das sind auch im Sinne der Schulmedizin fassbare und übliche Wirkstoffkonzentrationen. Zudem kommen im Blut manche Substanzen wie etwa Hormone oder Spurenelemente auch natürlicherweise nur in geringsten Mengen vor, die oft sogar einer D10- oder D12-Potenz entsprechen. Trotzdem sind diese kleinen Mengen biologisch wirksam, denn sie haben eine Art Katalysatorfunktion.
SCHÜSSLER WAR ÜBERZEUGT davon, dass mit der richtigen Auswahl potenzierter Mineralsalze „nahezu alle Krankheiten, die überhaupt heilbar sind, geheilt werden können.“ Und bis heute sind die Anhänger der Therapie mit Schüsslersalzen vom einem sehr breiten Nützlichkeitsspektrum dieser Mittel überzeugt. Einschlägige Ratgeber listen in der Regel mehrere hundert verschiedene Krankheitsbilder bzw. Symptomkomplexe von A wie Abmagerung bis Z wie Zwölffingerdarmgeschwür auf, darunter auch Hautkrankheiten.
WAS SAGT DER HEILPRAKTIKER? „Ich würde nie behaupten, dass man die Schuppenflechte mit Schüsslersalzen heilen kann“, schränkt Hans-Heinrich Jörgensen ein. „Es handelt sich hier um eine genetisch bedingte Veränderung der Haut, deren Symptome mal kommen und mal wieder zurück gehen. Dabei werden sie von vielerlei Faktoren, von Ernährung, von äußeren Einflüssen, auch von der Psyche beeinflusst. Mit Schüsslersalzen könne man in vielen Fällen eine deutliche Linderung der Beschwerden erreichen“, ist er sich sicher. Anhand von Studien kann er diese Überzeugung allerdings nicht belegen. Denn weder zu Hautproblemen noch zu anderen Erkrankungen gibt es systematische Untersuchungen der Wirkung von Schüsslersalzen.
Im Unterschied zur klassischen Homöopathie scheint man bei der Auswahl der richtigen Schüsslersalze im Prinzip nicht viel verkehrt machen zu können. Entscheidend sind hier allein die Symptome: „Bei schuppiger Haut kommt in erster Linie das Salz Nr. 6, das biochemische Mittel Kalium sulfuricum oder Kaliumsulfat in Betracht, nicht zuletzt weil besonders der Schwefel für den Stoffwechsel der Haut wichtig ist“, erläutert Jörgensen. „Das geben wir in der Potenz D6. Es fördert die Regeneration und Normalisierung der Haut.“ Kaliumsulfat könne man darüber hinaus nicht nur bei Schuppenflechte sinnvoll einsetzen, sondern auch bei allen anderen abschuppenden Erkrankungen der Haut wie Neurodermitis, Röteln, Masern, Scharlach, erklärt der Heilpraktiker.
Zusätzlich würde Jörgensen bei Schuppenflechte auch ein zinkhaltiges Präparat empfehlen, etwa das biochemische Ergänzungsmittel Nr. 21: „Zink ist für die Immunkompetenz des Körpers von großer Bedeutung. Auch der Juckreiz, der mit der Schuppenflechte einhergeht, wird gelindert, denn die Mastzellen des Immunsystems werden durch Zink maßgeblich stabilisiert. Wir geben dieses Salz üblicherweise in einer D12-Potenz. Bei einer akuten blühenden Schuppenflechte würde ich es aber auch als D6- Potenz verabreichen, also in einer deutlich höheren Konzentration.“
Bestehen darüber hinaus auch entzündliche Gelenkbeschwerden, könne man auch an das Salz Nr. 3 denken, Ferrum phosphoricum, „ein klassisches Mittel, um die Immunfunktionen zu modulieren“, so Jörgensen.
In seinen Empfehlungen stimmt Hans- Heinrich Jörgensen damit allerdings nur zum Teil mit den Angaben in verschiedenen Ratgebern zur Therapie mit Schüsslersalzen überein. Neben Salz Nr. 6 empfiehlt beispielsweise Angelika Gräfin Wolffskeel auch Nr. 1, 2 und 7; bei Übersäuerung zudem Nr. 10. Zink bzw. Nr. 21 erwähnt sie nicht. Bei rheumatischen Beschwerden rät sie zu den Salzen Nr. 9 und Nr. 2, von Nr. 3 ist an dieser Stelle nicht die Rede. Die Autoren eines weiteren Werkes halten zudem die Präparate Nr. 8 und Nr. 11 für angebracht. Ein dritter Autor setzt vor allem auf Nr. 4.
ÄHNLICHES gilt auch für die Anwendung der biochemischen Ergänzungsmittel, um die das Spektrum der Mineralsalze erst nach Schüsslers Tod ergänzt wurde und über deren Nutzen und Anwendungsfelder sich die verschiedenen Anwender nicht einig zu sein scheinen. So sucht man beispielsweise das Stichwort „Schuppenflechte“, das bei Wolffskeel etwa im Zusammenhang mit Salz Nr. 17 Erwähnung findet, bei anderen Autoren an dieser Stelle vergeblich. Und auch zu Salz Nr. 21, das Hans-Heinrich Jörgensen für so wichtig hält, fehlt in einigen Ratgebern jeder Hinweis auf einen Nutzen bei Hautproblemen.
Auch wenn sich die Angaben verschiedener Therapeuten zumeist nicht ausdrücklich widersprechen, so sind doch die Unterschiede für Leser der Ratgeber recht verwirrend. Hinzu kommt, dass auch die Angaben zur Art und Häufigkeit der Anwendung zum Teil erheblich voneinander abweichen. Während einer der Autoren auch äußere Anwendungen von Schüsslersalzen als selbstangerührte Paste aus den Milchzuckertabletten oder in Form einer fertigen Salbe empfiehlt, scheinen andere nur auf ihre Einnahme zu setzen. Fragwürdige Tipps wie „Schüsslersalze, die sie benötigen, schmecken süß, nicht benötigte neutral“, lassen sich per Selbstversuch einfach widerlegen. Je nachdem, ob man die Milchzucker-Tabletten mit viel oder wenig Speichel im Mund zergehen lässt, entfaltet sich die Süße des Trägerstoffes mehr oder weniger stark.
DIE UNEINHEITLICHKEIT der Empfehlungen in den diversen Ratgebern wirft insgesamt kein gutes Licht auf die Lehre von den Schüsslersalzen. Selbst wenn die zu Grunde liegende Idee eine Berechtigung haben sollte, so fehlt es aus wissenschaftlicher Sicht an eindeutigen Regeln, an denen sich Interessierte orientieren können. Da die Salze jedoch relativ preisgünstig sind und in ihrer geringen Dosierung auch keine schädliche Nebenwirkungen haben können, ist gegen einen Selbstversuch jedoch nichts einzuwenden. Und auch wenn die Salze selber nachweislich kaum wirksam wären, kann ja allein das regelmäßige Lutschen eines süßen Plazebos in Tablettenform oft helfen, die Selbstheilungskräfte auf Trab zu bringen. Womit wir wieder bei der Macht des Glauben wären ...
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