PSO aktuell - Der Ratgeber bei Schuppenflechte (Psoriasis)

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Der Placebo-Effekt - Die Selbstheilungskräfte unseres Körpers

Howard Brody, Daralyn Brody

Deutscher Taschenbuch Verlag 2002
285 Seiten

 

Viele reden davon. Wenige denken aber über das Phänomen in der Weise nach, dass es „von uns allen Gewinn bringend genutzt werden kann.“ Das möchte der Arzt und Professor für Medizinische Ethik an der Michigan State University, der dieses Buch gemeinsam mit seiner Frau und Kollegin (Schwerpunkt: alternative Heilmethoden) verfasst hat.

 

Patienten nehmen oft nicht nur das Wort in den Mund, sondern auch die so genannte Zuckerpille ohne stofflich begründete Wirkung. Auf exakte Nachweise erpichte Forscher gebrauchen den aus dem Kirchenlatein stammenden Begriff „Placebo“ gewöhnlich abschätzig. Ihnen sagt schon die deutsche Übersetzung genug: „Ich werde gefallen“. Wenn derlei Schmeichelei etwas ausrichte, sei das allein auf subjektive Faktoren zurückzuführen. Und diese dürften die Beurteilung von Behandlungserfolgen nicht verfälschen. 

 

Deshalb wird zur Prüfung neuer Arzneimittel die randomisierte Doppelblindstudie gefordert. Dabei ordnet man die Teilnehmer zufällig (engl. random) zwei Gruppen zu. Die eine bekommt ein Scheinmedikament, die andere das Testpräparat. Weder die Patienten noch die Therapeuten wissen, was jeweils an der Reihe ist. Die beidseitige Blindheit soll sicherstellen, dass keiner der Beteiligten gleichsam hineinsieht, was die zu erprobende Substanz nicht selbst bewirkt haben kann.

Beim statistischen Vergleich der Ergebnisse zeigt dann der Unterschied zwischen den Gruppen an, wie viel größer die Wahrscheinlichkeit einer Besserung mit dem „richtigen“ Mittel ist, als wenn man Placebo gibt. Dieses besteht z. B. aus 100 Milligramm Milchzucker in einer äußerlich gleich erscheinenden Tablette oder sterilisiertem Wasser, das gespritzt wird. Der Inhalt solcher Attrappen ist nicht fähig, durch chemische Reaktionen mit den Molekülen körpereigener Bausteine unmittelbar Veränderungen auszulösen, wie sie die Lehre von den Arzneiwirkungen (Pharmakologie) kennt.

 

Blind für Menschliches

Trotzdem kann gewissermaßen aus dem materiellen Nichts heraus der Gesundheitszustand positiv wie negativ beeinflusst werden. Das geschieht sogar ziemlich häufig. Sonst wäre der Aufwand von Blindversuchen überflüssig. Sie sollen ja das für die Schulmedizin buchstäblich Unfassbare trennen von den nackten Tatsachen einer Therapie, als deren bis heute gültiges Ideal der Frankfurter Nierenspezialist Franz Volhard 1930 gerühmt hat, dass sie „ohne Rücksicht auf den individuellen Kranken, seine Persönlichkeit, seine seelische Verfassung, seine Konstitution mit der Krankheit fertig wird.“ Ebenso unerheblich seien die Einstellung des Arztes und sein Verhalten gegenüber dem Patienten. 

 

Weil nach dieser Auffassung nicht sein darf, was nicht sein kann, ist der Placebo-Effekt bloß ein Hindernis auf dem Weg zur objektiven Erkenntnis. Sie verspricht größtmögliche Gewissheit (Evidenz) bei der Entscheidung, ob etwas „wirklich“ hilft. Welche Kräfte darüber hinaus noch am Werk sind, wird wissenschaftlich ausgeblendet. Doch die nicht berechenbare Zutat menschlicher Gedanken und Gefühle versteht sich keineswegs von selbst. Sie überkommt die Einzelnen auch nicht einfach, als seien sie Spielball einer unerklärlichen Macht. Die „Zusammenarbeit von Geist und Körper“ lässt sich vielmehr bis zu einem gewissen Grad fördern, „um schneller gesund zu werden und zu bleiben,“ erläutert Brody sein Anliegen. 

 

Er versteht den Placebo-Effekt als Antwort auf Botschaften aus unserer Umgebung. Diese erlauben es, momentane Beschwerden oder chronisches Kranksein anders zu deuten. Wer vorher vielleicht ohnmächtig kapitulierte, kann nun wieder hoffen. Oder einer, der sich von allen verlassen fühlte, spürt auf einmal ehrliches Interesse an seinem Wohlergehen. So kann er vielleicht seine Psoriasis-Geschichte neu erzählen. Die Krankheit beherrscht nicht mehr sein/ihr Leben, ist kein Grund, sich abzukapseln, voll Zorn auf Gott ( den Versager im weißen Kittel) und die böse Welt.

 

Zeichen der Zuversicht

Damit der Organismus als lebendige Einheit von Leib und Seele entsprechend reagiert, muss das Heil-Zeichen für den Empfänger weit mehr sein, als es scheint, nämlich ein Symbol. Sein tieferer Sinn bleibt Außenstehenden verborgen. Einem darauf eingestimmten Individuum kann jedoch ein Allerweltswort, der Tonfall, in dem gesprochen wird, eine Geste, die Farbe oder der Geruch von diesem und jenem persönlich Wichtiges mitteilen, besonders wenn es mit menschlichen Beziehungen verbunden ist. Die Urszene einer derartigen Aufwertung erfahren Kinder, deren Schmerzen die Mutter mit zärtlichem Heile-heile-Segen weg pustet und ein Pflaster auf die Wunde klebt.

 

Placebo: "innere Apotheke"

Es bedarf gar keines Mittels, das so tut, als sei es die Ursache der wunderbaren Wirkung. Und der Placebo-Effekt beschränkt sich ebenso wenig auf Zuckerpillen. Medikamente, geschluckt oder injiziert, können wie chirurgische Eingriff direkt körperliche Vorgänge beeinflussen und obendrein eine symbolische Wirkung haben. Diese ist mitunter so stark, dass sie den „eigentlichen“ Effekt aufhebt. In einem Experiment konnten beispielsweise Versuchspersonen, bei denen der Kontakt mit dem japanischen Lackbaum zuvor heftig juckende Ausschläge hervorgerufen hatte, nicht erkennen, an welchem Arm sie mit solchen oder harmlosen Blättern berührt wurden. Man erzählte ihnen jedoch, dass jeweils die anderen Blätter verwendet würden. Und prompt unterblieb die allergische Hautreaktion. 

 

Andererseits erzeugten Placebos bei Patienten, die aufgrund der Versuchsanordnung irrtümlich glaubten, das „richtige“ Medikament zu bekommen, dessen typische Nebenwirkungen. Die Erwartung, gefestigt als Überzeugung, dass etwas eintreten wird, ist für die Autoren der erste „Schlüssel“ zum Placebo-Effekt. Der zweite heißt Konditionierung und stammt aus der Lerntheorie, die damit die Verknüpfung von bestimmten Reaktionen und verstärkenden Reizen umschreibt. So hat man etwa ein – das Abwehrsystem unterdrückendes – Chemotherapeutikum zusammen mit Lebertran und Rosenparfüm verabreicht. Nach einiger Zeit konnte die Dosis des Immunsuppressivums immer mehr vermindert werden. Seine jetzt an das Begleitritual gekoppelte Wirkung ließ dennoch nicht nach. 

 

Die von klein auf wiederholte Erfahrung, dass sich jemand liebevoll um uns kümmert, wenn wir verletzt oder krank sind, schafft bei der Begegnung mit Ärzten und anderen Gesundheitshelfern die Voraussetzung eines positiven Placebo-Effekts. Er trägt bei jeder Behandlung zur Linderung bei. In welchem Ausmaß lässt sich nicht vorhersagen. Das hängt von der jeweiligen Situation ab, keineswegs von einer besonderen Gutgläubigkeit, die aufgeklärten Zeitgenossen peinlich sein müsste, betont Brody. Prinzipiell sei jeder empfänglich dafür, als „sein eigener Arzt“ mit Hilfe der Botschaften von außen die als „innere Apotheke“ veranschaulichte Heilkraft zu aktivieren. 

 

Die Chance erhöhe sich, wenn man uns zuhöre und die unangenehmen Symptome einleuchtend erkläre, wenn sich mitfühlende Menschen um uns sorgten und wir allein oder mit Unterstützung anderer, das Gefühl hätten, „Herr der Lage zu bleiben.“

 

Aus PSOaktuell Dezember 2002

 

 

 

 

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