PSO aktuell - Der Ratgeber bei Schuppenflechte (Psoriasis)

DER RATGEBER BEI SCHUPPENFLECHTE

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Kapitalismus und Hautkrankheiten

Jasmin Ramadan

Tropen Verlag, 2014

218 Seiten

ISBN: 978-3608501216

 

Was nach einer politischen Abhandlung klingt, ist der Titel eines Romans, in dem Dietrich Kugler seit 20 Jahren an dem gleichnamigen Werk schreibt. Über 1000 Seiten umfasst es schon, als seine Frau, die erfolgreiche Schauspielerin Bärbel Kugler, in einem Akt rasender Selbstbefreiung die Fassade ihrer rückblickend erzählten Familiengeschichte zerstört. Dabei begräbt sie auch den Computer ihres Mannes mit den gespeicherten Seiten seines Buches sowie die Unmengen von bedrucktem Papier unter dem Schaum eines Feuerlöschers. Dietrich, gerade aus der Klinik wieder nach Hause kommend, muss fassungslos begreifen, dass sie es ernst meint: Er soll aus ihrem Leben verschwinden.

 

Diesem trostlosen Helden fällt auf die Frage, was er jetzt tun werde, nicht mehr ein als: „Keine Ahnung. Mein Buch noch einmal von vorne beginnen.“ Der ehemalige Dozent war irgendwann wegen einer Schuppenflechte für einige Wochen krankgeschrieben worden und hatte die Stelle dann ganz aufgegeben. Wie konnte man sich gegen das Gesundheitsideal höchster Leistungsfähigkeit, von ihm als „kapitalistisches Druckmittel“ verdächtigt, „besser wehren als mit einer Krankheit, die nicht lebensbedrohlich war, aber eben nicht schön anzusehen. Ein wirklich guter Trick der Seele…“ Nachdem er bei einem akuten Schub das erste Mal ins Krankenhaus eingewiesen worden war, was sich seitdem mindestens einmal im Jahr wiederholte, hatte sich Dietrich im Dachgeschoss des Hauses ein eigenes Refugium eingerichtet.

 

Rückzug in die Verantwortungslosigkeit

Fortan „herrschte eine stillschweigend vereinbarte Distanz zwischen allen Jasmin Ramadan Kapitalismus und Hautkrankheiten Tropen Verlag, Stuttgart 2014 Euro: 18,95 Buchtipp vier Familienmitgliedern.“ Auch die Kinder Teresa und Ture, hielten untereinander die unausgesprochene Abmachung ein, allzu Bedrückendes auszublenden, um sich so in ihrem Unglück erträglich einzurichten. Der Vater kroch nur selten aus seiner Schreibklause, etwa wenn „mal wieder ein albernes Wichtigtuergartenfest seiner Frau abgehalten“ wurde, wobei sie Wert auf die „Darstellung einer intakten Ehe“ legte. „Den Gefallen tat er ihr ab und an. Immerhin kam sie für ihn auf.“ So konnte er sich auf das Manuskript konzentrieren, ohne dass es je fertig werden musste. „Dort, auf der menschlichen Oberfläche, dem größten Sinnesorgan, zeigten sich früher oder später alle organischen oder seelischen Schäden.“ Seit er das Internet nutzte, sei die Sache, gestand er sich ein, „vielleicht doch ein wenig aus den Fugen geraten.“ Aber das Projekt war „im Prinzip eine therapeutische Maßnahme – für ihn als Einzelnen und somit für die ganze Menschheit.“ Weniger die unmittelbare Arbeit an dem Buch, sondern „vor allem das Wissen darum, dass er daran arbeitete, erfüllte ihn mit einem Frieden, den er sonst kaum mehr fand.“

 

Ein fauler Frieden, meinte seine Frau. Er wolle ja nur seine Schuppenflechte in den großen gesellschaftlichen Zusammenhang der vom Profitprinzip angetriebenen Wirtschaftsordnung mit ihren mutmaßlichen Auswirkungen auf die Haut stellen, damit er als verantwortliches Individuum nicht in den Blick komme. Und zugleich lenke er auf diese Weise ab von seiner Schuld am Zerwürfnis ihrer Ehe und dem abrupten Wegzug der eng befreundeten Familie Tinn. Deren damals 13-jährige Adoptivtochter Annabelle hatte Dietrich zum Oralsex überredet, und sein Sohn Ture war zufällig Zeuge dieser Szene geworden. „Niemals hätte man das Geschehene gemeinsam verdrängen können“, begründet Bärbel Kugler, warum der Kontakt zu dem Ehepaar und seinen beiden Kindern völlig hatte abgebrochen werden müssen. Kaum zwei Wochen nach dem in der Familie totgeschwiegen Vorfall war Dietrich wegen der Schuppenflechte zum ersten Mal ins Krankenhaus gekommen.

 

Lebenslügen bleiben in der Familie

Seine frühere Freundin Viola und ihr Mann, der Hautarzt Götz Tinn, hatten sich eingedenk „der Umweltzerstörung, der nuklearen Bedrohung und im Namen aller hungernden Kinder der Welt“ gegen eigenen Nachwuchs entschieden. Bei einer gemeinsamen Reise nach Nicaragua in den frühen 1980er Jahren kaufte Viola spontan einer armen Familie für 5000 Dollar deren einjährigen Sohn Francisco ab. Dietrich verklärte diesen Handel hochtrabend als „konsequente Fortführung der universalen Solidarität in einer politisch substantiellen Mission.“ Er sympathisierte mit der sandinistischen Revolution und sehnte sich dort nach einem „richtigen Leben.“ Das Land, in dem seine Frau gut fünf Monate nach der bezahlten Aneignung des fremden Jungen durch das Freundespaar die Zwillinge Teresa und Ture geboren hatte, verließ er nur widerwillig. Bärbel musste einsehen, dass sie Dietrich um ihrer Karriere willen eine von ihm abgelehnte Wohlstandsexistenz aufgedrängt hatte. „Dafür bestraft er sich und mich bis heute.“

 

Wieder in Deutschland, hatten die Tinns noch Annabelle als Baby adoptiert. Der einzige, der sich für sie interessiert habe, sei Dietrich gewesen, erinnert sie sich später, inzwischen selbst Mutter. Als Teenager sei sie „vielleicht sogar ein bisschen verknallt in ihn“ und eines Tages eben, wie vorgeschlagen, zu einem Gespräch unter vier Augen mit ihm verabredet gewesen. Was dann passierte, daran wollte „sie nicht mehr denken, das hatte sie sich fest und für immer vorgenommen.“ Denn es führe nur zu Anfällen von „Clusterkopfschmerzen“, danach bekomme sie meistens „auch ihre Impetigo über der Lippe und wurde sie tagelang nicht los.“

 

Die eitrige Hautinfektion, von der Romanfigur mit dem medizinischen Fachausdruck benannt, illustriert hier das nicht verarbeitete seelische Trauma des Mädchens, dass es als Gegenleistung für Geschenke und Freundlichkeit des erwachsenen Mannes sein Glied in den Mund hatte nehmen müssen. Ture, der seinen Vater mit der vor ihm knieenden Anabelle erwischte, vermied die Erinnerung an diesen Anblick und unterdrückte die damit verbundenen Gefühle. „Sein Leben verlief in ruhigen Bahnen. Außer wenn Teresa auftauchte.“ Die Schwester, „ein hochgewachsenes dürres Kind mit Brüsten“, rief durch ihr Aussehen und Verhalten immer wieder die Vergangenheit wach. Das erschwerte es, „die Erinnerungen in eine erträgliche Form zu bringen.“ Und in einer solchen Situation heißt es: „Sein Gemüt extrovertierte sich zu einem Juckreiz im und um den Bauchnabel.“

 

Das ist eines der Beispiele dafür, wie Jasmin Ramadan allzu kurzschlüssig dermatologische Symptome benutzt, um psychische Probleme zu veranschaulichen. Als sie „die Krankheit namens Familie“ für alle sichtbar ausbrechen lässt durch die Verhaftung von Ture wegen einer gewaltsamen Attacke auf die schöne Fitnesstrainerin seiner Schwester, mit der er eine heiße Nacht verbracht hatte, breitet sich Dietrichs Schuppenflechte so extrem wie noch nie aus, „diesmal sogar im Intimbereich.“

 

Auch das verweist überdeutlich auf psychosomatische Zusammenhänge, deren Hintergründe dem Leser enthüllt werden, nachdem Teresa das Familiengeheimnis entdeckt und ihre Eltern zur Rede stellt. Denn was Bärbel Kugler schon immer vermutet hatte, bestätigte ihr „ein alter Freund und Humangenetiker“: Dietrich hat seine eigene Tochter verführt. Er könne von Glück sagen, dass er damals nicht angezeigt worden sei. „Ich wollte doch meine Ehe retten, um euch zu beschützen“, rechtfertigt sie sich gegenüber Teresa. Ihrem Mann wirft sie aber nun, da nichts mehr zu vertuschen ist, an den Kopf: „Lass doch dein blödes Buch endlich sein.“ Oder er solle wenigstens „Kapitalismus“ im Titel ersetzen durch Frauenhass, Selbstflucht und vor allem „Schuldgefühle“.

 

Mit der verkrachten Dachbodenexistenz dieses Mannes, der sich hinter seiner Schuppenflechte verschanzt, kann und will das Buch der 40-jährigen Hamburger Autorin weder zu einem besseren Verständnis der Krankheit noch zu dem der davon betroffenen Menschen beitragen. Es bleibt sprachlich und dramaturgisch an der Oberfläche des Elends, dass die nie erwachsen gewordenen Kinder ohne die von ihren Eltern verratenen Ideale leben müssen.

 

Aus PSOaktuell September 2014

© Jürgen-Peter Stössel

 

 

 

 

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