PSO aktuell - Der Ratgeber bei Schuppenflechte (Psoriasis)

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Krank durch Früherkennung

Frank Wittig

Riva Verlag

224 Seiten

ISBN: 978-3868836301

 

Ein Wissenschaftsjournalist macht sich unbeliebt mit Recherchen auf dem Markt vorbeugender Fahndung nach Krankheitszeichen. Sie belebt nur das Geschäft von Medizinern und Pharmaindustrie, ohne dass die als Konsequenz empfohlenen Maßnahmen die Sterblichkeit senken.

 

Vorbeugen ist besser als heilen, weiß ein Sprichwort. Das medizinische Versprechen klingt ja auch überzeugend: Werde eine Krankheit schon im Frühstadium erkannt, lasse sie sich eher erfolgreich behandeln; würden bereits Vorstufen entdeckt, könne man den Ausbruch der Krankheiten sogar verhindern. Frank Wittig, Wissenschaftsjournalist und Medizinredakteur beim Südwestrundfunk, erklärt in seinem Buch dagegen, „warum Vorsorgeuntersuchungen unserer Gesundheit oft mehr schaden als nützen.“

 

Das 2008 eingeführte Hautkrebs-Screening schildert der Autor als „Musterbeispiel dafür, wie für eine medizinische Fachdisziplin….üppige neue Geldquellen erschlossen“ wurden, ohne dass bisher nachprüfbare Daten vorlägen, ob die alle zwei Jahre den gesetzlich Versicherten über 35 angebotene Fahndung nach Hauttumoren die Sterblichkeit senke. Treibende Kraft war Prof. Eckhard Breitbart, bis 2013 Chefarzt und Leiter des Dermatologischen Zentrums Buxtehude, mit der „Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention“ (nicht „Prophylaxe“, wie Wittig den Zweck der ADP e.V. angibt). In einem einjährigen Pilotprojekt hatte Breitbart 1700 Ärzte in Schleswig-Holstein nach einer achtstündigen Schulung die ins Auge gefasste Personengruppe untersuchen lassen. Da es für ein flächendeckendes Suchprogramm nicht genügend Dermatologen gibt, wurden auch Hausärzte einbezogen. Diese hatten bei einer Testgruppe von knapp 37 000 doppelt begutachteten Personen in rund 6000 Fällen einen Krebsverdacht geäußert, den Dermatologen nur in etwa 20 Prozent bestätigen konnten. Die Spezialisten fanden jedoch unter den restlichen Teilnehmern, die Hausärzte als unauffällig eingestuft hatten, gut zehn Prozent krebsverdächtig.

 

Trotz der Mängel, die dieses publik gewordene Detailergebnis der als Ganzes nie veröffentlichten „Machbarkeitsstudie“ offenbarte, befürwortete der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) das Hautkrebs-Screening als Kassenleistung. Ihm genügte dazu ein „Projektbericht“ von Prof. Breitbart, der pikanterweise zur Zeit der anstehenden Entscheidung auch Vorsitzender des Unterausschusses Prävention beim G-BA war. Der Beschluss wurde zwar an die Voraussetzung gebunden, das Verfahren spätestens fünf Jahre nach seinem Start zu überprüfen. Doch analysierte man dabei neben den Teilnehmerraten nur die jeweils von Haus- und Hautärzten erhobenen Befunde hinsichtlich falsch positiver und falsch negativer Diagnosen.

 

Ob das eigentliche Ziel einer solchen Filteruntersuchung erreicht wird, dass also weniger Menschen als ohne an Hautkrebs sterben, ist bislang „nicht klar“, urteilt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Als Nachteile sehen dessen Experten, dass ein sich als nicht zutreffend erweisender Verdacht unnötig Sorgen und Ängste hervorruft, andererseits Veränderungen nicht erkannt und behandelt werden, obwohl dies sinnvoll wäre, während manche bösartig erscheinende Befunde nie gefährlich würden. Eine positive Diagnose sei nicht gleichbedeutend mit Krebs. Von 100 deswegen veranlassten Gewebeentnahmen führten 80 zur Entwarnung.

 

Solche „Überdiagnosen“, folgert Wittig, hätten offensichtlich mit den um 10 bis 15 Prozent gestiegenen Fallzahlen nach Einführung des Screenings zugenommen, da die Sterblichkeit an Hautkrebs gleich geblieben sei. Für den Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD) ist das hingegen „ein Erfolg und nicht etwa ein Hinweis auf die Nutzlosigkeit“, sagte BVDD-Präsidenten Dr. Klaus Strömer (PSO aktuell 2/2015, Seite 6). Außer dem malignen Melanom könne der Hautarzt auch andere Arten von Hautkrebs früher als ohne die Vorsorgeuntersuchung erkennen.

 

Um die Versicherten zur regelmäßigen Teilnahme zu bewegen (und die damit verbundenen Einnahmen zu sichern), wird die drohende Gefahr maßlos übertrieben. So verkündete Prof. Volker Steinkraus, Chef des Hamburger Dermatologikums, in dem Internetmagazin Vital, dass weißer Hautkrebs viel häufiger als der schwarze vorkomme. Rechne man noch Vorstufen dazu, „die sogenannten aktinischen Keratosen, erkranken jedes Jahr etwa 500 000 Menschen“ an weißem Hautkrebs. Dieser sei „fast immer heilbar- wenn er früh erkannt wird.“ Tatsächlich sind solche Veränderungen nicht nur im Frühstadium harmlos, da sie praktisch keine Metastasen bilden und deswegen außer in Deutschland nirgends im Krebsregister erfasst werden.

 

Übertriebene Gefahren

Ein anderes Beispiel in diesem Buch betrifft Menschen mit Psoriasis zunehmend, seitdem Dermatologen bei ihnen stets auch nach Begleiterkrankungen suchen sollen. Erhöhte Werte für Cholesterin, Blutdruck und Blutzucker werden als Warnzeichen erfasst, ebenso wie dies der allgemeine „Check-up“ den Gesunden nahelegt. Wobei die Grenzen, ab denen ein Befund als behandlungsbedürftig gilt, immer mehr gesenkt wurden.

 

Seit 1989 haben gesetzlich Krankenversicherte in Deutschland ab 35 alle zwei Jahre Anspruch auf diese Vorsorgemaßnahme. Für Wissenschaftler wie Prof. Jürgen Windeler vom IQWiG ist aber schon lange klar: Früherkennung bringt nichts. Das Resultat einer 2012 veröffentlichten Analyse von 14 Studien höchster Qualitätsstufe zu dieser Frage war für Insider daher keine Überraschung. Die Wissenschaftler um Dr. Lasse Krogsböll vom Nordic Cochrane Center in Kopenhagen 2012 hatten Untersuchungen ausgewertet, bei denen über 180 000 Teilnehmer mit gleichen Ausgangsbedingungen jeweils zufällig zwei Gruppen zugeteilt (randomisiert) worden waren. Die eine ging regelmäßig zum Check-up, die andere nicht. Nach durchschnittlich neun Jahren zeigte sich statistisch kein Unterschied.

 

Regelmäßiges Check-up nutzlos

Trotzdem, so Wittig, wird eifrig die einträgliche „Laborkosmetik“ weiter betrieben. Mit Medikamenten lassen sich bei sonst gesunden Personen zwar die zu gefährlichen Risikofaktoren erklärten Blutwerte senken, was dann als Erfolg der Früherkennung gilt. Den Einzelnen schadet dies jedoch (wegen der Nebenwirkungen) oft mehr, als es ihnen in Bezug auf Herzinfarkt und Schlaganfall nützen kann. Das Buch bietet noch zahlreiche Belege für die Behauptung seines Titels, unter anderem auch die „Erfindung“ einer medikamentös zu behandelnden Krankheit namens Osteoporose bei einem Expertentreffen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), gesponsert von zwei Pharmafirmen. Die Lektüre kann also allzu gläubigen Medizinkonsumenten die Einsicht vermitteln, dass weniger Vorsorge meist mehr Gesundheit bedeutet.

 

Aus PSOaktuell Dezember 2015

© Jürgen-Peter Stössel

 

 

 

 

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