PSO aktuell - Der Ratgeber bei Schuppenflechte (Psoriasis)

DER RATGEBER BEI SCHUPPENFLECHTE

 

Aus PSO aktuell September 2005

 

 

Ariane Hingst über ihre Schuppenflechte -
Leute, traut euch!

Im Fußballtrikot kann Ariane Hingst, Abwehrspielerin der Frauen-Nationalmannschaft, ihre Schuppenflechte kaum verbergen. Aber das will sie auch gar nicht. Schließlich gehört die Hauterkrankung zu ihr wie das Fußballspielen. So war die mehrmalige Europa- und Weltmeisterin gerne bereit, PSO aktuell ein Interview zu geben: „Kein Problem, ich gehe völlig offen damit um.“

 

Ariane Hingst über ihre SchuppenflechteMeine größte Angst ist, dass die Schuppenflechte die Gelenke befällt, erzählt Ariane Hingst. Schließlich könnte eine Psoriasis-Arthritis die Fußballkarriere der 26-jährigen Berlinerin beenden. 111 Spiele hat sie in der Abwehr der Nationalmannschaft bestritten, die bereits dreimal die Europameisterschaft gewann, zuletzt vor wenigen Wochen in Großbritannien. 2003 wurden die deutschen Fußballfrauen sogar Weltmeister. Auch mit ihrem Team 1. FFC Turbine Potsdam, wo sie als Kapitän die Mannschaft antreibt, steht Ariane Hingst nicht schlecht da: DFB-Pokalsiege 2004 und 2005, UEFA-Cup-Sieg 2005, Deutsche Meisterschaft 2004, Hallenpokalsiege 2004 und 2005.

Bereits 2000, kurz vor den Olympischen Spielen in Sydney, war es wahrscheinlich die Schuppenflechte, die der Weltklasse-Fußballspielerin Schmerzen im Sprunggelenk bereiteten. Anfangs dachten die Ärzte, das käme vom Sport. Vielleicht ein Ermüdungsbruch oder ein Haarriss. Diese Vermutungen bestätigten sich jedoch nicht. Letztendlich sind die Mediziner davon ausgegangen, dass die Schuppenflechte die wahrscheinlichste Ursache für den dicken Knöchel ist. „Das war ein harter Schlag für mich. Ich dachte, dagegen kann ich nichts tun. Ich kann nur hoffen, dass es wieder aufhört. Auch jetzt noch kriege ich einen Schreck, wenn ich Schmerzen in den Gelenken habe. Dann hoffe ich: Lass es bitte nicht so schlimm werden“, erzählt Ariane Hingst.

Damals, vor den Olympischen Spielen, musste sie vorübergehend pausieren. Nach ein paar Monaten gingen die Beschwerden im Sprunggelenk zum Glück wieder zurück. „Verschiedene Behandlungen, Krankengymnastik und entzündungshemmende Medikamente haben mir geholfen. Natürlich darf ich nur Medikamente verwenden, die nicht auf der Dopingliste stehen. Das schränkt die Behandlungsmöglichkeiten manchmal ein.“

 

DIE ANGST IST ZWAR KEIN STäNDIGER Begleiter, erzählt Hingst, aber sie spielt eine große Rolle, wenn die Gelenke wieder schmerzen, was bei ihr wie bei vielen Hochleistungssportlern keine Seltenheit ist. Ariane Hingst hat zum Beispiel immer wieder Knieprobleme. Dann fürchtet sie, dass sie nicht trainieren kann, wenn die Schmerzen zunehmen. Bisher macht sich die Schuppenflechte jedoch hauptsächlich auf der Haut bemerkbar. Schon als Kind hatte Ariane Hingst relativ heftige Schübe mit vielen befallenen Stellen auf der Haut. „Irgendwann hat meine Mutter mir nachts die Hände eingebunden, damit ich nicht alles aufkratze. Es gab kaum Zeiten, in denen ich nichts hatte.“ Im Laufe der Zeit wurde die Schuppenflechte immer stärker, so dass mittlerweile der ganze Körper davon betroffen ist. Nachdem die Fußballsaison zu Ende gegangen, UEFA-Cup und Europameisterschaft gewonnen waren, machte die gebürtige Berlinerin erst einmal Urlaub. Wie bei vielen Psoriatikern haben Sonne und Salzwasser auch ihrer Haut gut getan. Die befallenen Stellen sind deutlich zurückgegangen. „Aber jetzt, wenn die Saison wieder anfängt, dann wird meine Haut wieder schlimmer werden – das weiß ich genau.“

 

STRESS IST AUCH BEI IHR ein entscheidender Auslöser. Im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen konzentrieren sich Deutschlands Fußballfrauen nämlich nicht allein auf den Sport. Gehälter und Sponsorengelder fallen um ein Vielfaches niedriger aus als bei den Männern. Um in der Zeit nach dem aktiven Fußball ein Standbein zu haben, macht Ariane Hingst gerade eine Ausbildung zur Physiotherapeutin. Diese findet vormittags statt und am Nachmittag ist Training angesagt – jeden Tag. Dieses Jahr kamen die Europameisterschaft und die UEFA-Cup- Spiele dazu. Das bedeutete einige Wochen lang zusätzlich jeden Samstag und jeden Mittwoch gegen andere Mannschaften kicken. Zum Teil sind beträchtliche Anfahrtswege damit verbunden. Kein Wunder, dass das Privatleben darunter leidet. „Da hatten wir sehr hohen Druck, und mir blieb kaum Zeit für mich. In solchen Phasen merke ich, dass meine Haut richtig schlimm wird“, berichtet Hingst.

Nach beinahe jedem ihrer zahllosen sportlichen Erfolge drucken Zeitschriften und Zeitungen Fotos von der 26- jährigen Fußballerspielerin, auch Fernsehauftritte sind keine Seltenheit – und für jedermann ist dann ihre Schuppenflechte sichtbar. Nervt das nicht? „Manchmal irritiert es mich schon, wenn ich ein Foto von mir sehe, auf dem sich die Schuppenflechte überall breit macht. Doch ich habe früh gelernt, damit umzugehen. Sie gehört zu mir wie das Fußballspielen. Mit drei oder vier Jahren war ich zum ersten Mal wegen der Schuppenflechte im Krankenhaus. Genauso früh habe ich mit dem Fußball angefangen. Seit meinem achten Lebensjahr trainiere ich im Verein. „Natürlich gab es Phasen, in denen mich die sichtbare Erkrankung sehr gestört hat, z.B. als Kind oder im Schwimmbad. Wenn Sprüche kamen wie ‘Warum gehst du mit deinen Masern hierher?’ hat mich das schon sehr geärgert. Als Kind konnte ich mich noch nicht dagegen wehren. Damit hatte ich ziemlich zu kämpfen.“

Heute denkt Ariane Hingst kaum mehr daran, dass sie an einer chronischen Hauterkrankung leidet. Es kann sogar passieren, dass sie im kurzärmligen T-Shirt im Fernsehen auftritt und erst an das Aussehen ihrer Haut erinnert wird, als der Moderator sie darauf angesprochen hat: „Sie sind aber mutig!“

Woher hat die junge Frau dieses Selbstbewusstsein? „Meine Mutter hatte auch Schuppenflechte. Sie hat mir nie das Gefühl gegeben, dass ich mich dafür schämen müsste.“ Wenn man es einmal geschafft hat, den Schritt zu wagen, und zu seiner Schuppenflechte zu stehen, wird vieles einfacher, vermutet sie. „Ich habe nie bewusst langärmelige Kleidung angezogen, damit mein Gegenüber meine Schuppenflechte nicht sieht. Ich trage kurze Hosen und kurzärmlige T-Shirts – die Schuppenflechte kann jeder bei mir sehen. Ich gehe sehr offen damit um. Vielleicht ist das der Grund, warum sich viele Leute nicht trauen, mich auf die Schuppenflechte anzusprechen.“

 

NEGATIVE ERFAHRUNGEN hat Ariane Hingst schon lange nicht mehr gemacht. Mittlerweile wissen offensichtlich viele Menschen über die Hauterkrankung Bescheid.

Und doch hat selbst die erfolgreiche Nationalspielerin einen wunden Punkt. „Abends im Bett kratze ich oft, dann liegen die Schuppen da – das stört mich sehr. Damit habe ich selbst oft zu kämpfen. Und es hat auch manche Männer genervt, dass ich im Bett kratze. Prinzipiell habe ich aber mit meinen bisherigen Partnern immer offen darüber reden können. Gerade in Beziehungen macht man sich natürlich Gedanken. Ich habe oft gefragt: Wie fühlt sich meine Haut für dich an? Ist das für dich unangenehm?“

Schließlich kommt Ariane Hingst zu folgendem Fazit: „Es ist doof, wenn man Schuppenflechte hat. Aber ich finde, man sollte seine Haut deswegen nicht verstecken. Das würde mein Leben einschränken, das ist es nicht wert. Deswegen würde ich allen Menschen mit Schuppenflechte raten: Leute, traut euch!“

Dr. Judith Neumaier

 

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